Das Einzige, das schwieriger war als zu bleiben - war zu gehen.

Freitag, 19.09.2014

 

 

Ich sitze am Wohnzimmertisch. Starre auf den Bildschirm meines Laptops, während ich Musik höre (Red Hot Chili Peppers – Scar Tissue N’to Remix). Sehe über die Schulter nach hinten, wo meine Mutter fernsieht. Höre zur Tür hinaus in den Flur, kann meinen Bruder beim Computer spielen erkennen. Starre wieder auf die Tasten. Und finde keine Worte.

Wie lange habe ich auf diesen Moment gewartet. Wieder zuhause zu sein, in Deutschland. Bei meiner Familie, meinen Freunden. Weiterzumachen im Studium und in meinem Leben. Ägypten Auf Wiedersehen zu sagen. Ich habe meine Großeltern wiedergesehen, habe meinen Cousin kennengelernt, der nun schon gut zwei Monate alt ist und dessen Geburt ich verpasst habe. Alle freuen sich so sehr, mich zu treffen, es gibt schon einen Haufen Termine, einen Haufen Festessen, Veranstaltungen…viele Dinge sind hier passiert, im Kreise der Familie, auf der Arbeit, in der Schule, bei all diesen Dingen eben, die in einem Leben vorkommen, wenn es sich nahtlos immer weiter fortführt, ohne eine abrupte Unterbrechung zu haben wie das meine. Ich höre jeden einzelnen reden, ich freue mich über ihre Worte, freue mich für sie, lache, bin froh, sie wiederzusehen – und denke doch nur an den Moment, in dem ich auf dem Wasser wanderte, vor mir die Morgensonne schwebend,  in leuchtendem, intensiven Gelb-Rot; der Geruch von Salzwasser in der Nase, eine schwache Brise in den Haaren und das Gefühl von unbeschreiblicher Freiheit in mir.

Wie kann ich am Morgen noch dort gewesen sein, und am Abend, mit einem Augenaufschlag plötzlich woanders? In meiner Heimat auf die ich mich so gefreut habe, doch die sich gerade so fremd anfühlt, dass ich mir einsam und verloren vorkomme? Ich höre sie alle reden, und doch höre ich nichts außer der ungewohnten Stille. Ich sehe die Sonne und denke daran, wie ich die letzten Tage verbracht habe. An die Goodbye Party auf der Arbeit, mit dem schönen Kuchen (Thanks Karina, sie lernen es nie ;) ) und dem goldenen Schild, auf dem geschrieben steht „Thanks from Alamal Association for Special Needs, Hurghada 2014“. An die Abschiedstour auf dem Bike durch Hurghada. Den Abschied im Viking, mit Menschen die mir wichtig sind und Menschen, die ich kaum kenne. Das Essen im Restaurant, in dem sie meine Lieblingsmusik von meinem Ipod gespielt haben. Und der unglaubliche Sonnenaufgang mit C. und Anna, an dem wir viel gelacht und ein bisschen geweint haben.

Dann der überstürzte Aufbruch, die Fahrt zum Flughafen. Der nette Flughafenmitarbeiter, der meinte, mit meinem Visum wäre aaaalles okay und es wäre sicher nicht abgelaufen und ich sollte einfach weitergehen, er regle das schon. Das Flugzeug mit den ganzen deutschen Urlaubern, die ihre Witze machten und sich über dies und jenes beschwerten. Und dann der plötzliche Abflug. Als hätte ich ihn nicht kommen gesehen. Plötzlich war er da. Der Abschied.

Seitdem befinde ich mich in einem Nebel. Das kann es doch nicht gewesen sein. Ich höre mich selbst erzählen von Dingen, die ich erlebt habe. Doch statt darüber nachdenken zu können, komme ich wieder hinein in mein Leben hier und so viele Menschen erwarten so viele Dinge von mir, mit denen ich meiner Meinung nach so gar nichts zu tun habe. Obwohl das natürlich nicht so ist. Aber irgendwie kann ich mich nicht damit anfreunden. Ich bin zurück. Ägypten 2014, das ist jetzt Vergangenheit. Es bleiben Erinnerungen und das Wissen, dass die Menschen, die ich zurückgelassen habe, den Sonnenaufgang ab jetzt ohne mich sehen werden und dass das Leben trotzdem weitergeht.

Was habe ich aber mitgenommen?

Wenn ich vergleiche, wer ich vor einem halben Jahr noch war: als ich im gleichen Raum meinen ersten Blogeintrag geschrieben habe, voller Angst, Ungewissheit und Traurigkeit. Ich hatte solche Panik, diesen Schritt zu wagen, ohne all die Menschen, die mir so wichtig sind. Und es waren bei Weitem nicht immer einfache Zeiten; ich hatte Heimweh, habe mir an manchen Tagen nur gewünscht, alles hinschmeißen zu können und zu gehen. Doch ich bin nicht gegangen. Ich bin tatsächlich geblieben.

Ich habe Erfahrungen gemacht, die ich zwar teilen kann, die ich erzählen und beschreiben kann, so genau wie es mir möglich ist. Doch ich werde niemandem jemals begreiflich machen können, wie es tatsächlich gewesen ist. Wie das Gefühl ist, vollkommen auf sich gestellt zu sein in einem so fremden Land, in dem viele der Normen und Werte, die man bisher für unumstößlich gehalten hat, plötzlich nichtig werden und anderen Platz machen müssen.

Wie kann ich das Gefühl beschreiben, unter Wasser zu atmen? Oder auf einem krassen Motorrad in den Sonnenaufgang zu fahren? Mit einem ägyptischen Händler über dessen Liebesleben quatschend auf der Straße zu stehen? Von einem Wüstenberg aus das Meer zu sehen? Sich im Minibus von einem aufdringlichen Ägypter zu retten und schonmal die ganze Straße zusammenzuschreien, wenn einem die lästigen Männer doch zu viel werden? Brot zu kaufen und dem Typ, der sich extra dumm stellt versuchen weiß zu machen, dass man ihn nicht heiraten will sondern lediglich Hunger hat? Wie kann ich erklären, was es heißt, sich unter Menschen zuhause zu fühlen, die man kaum kennt? Oder das Leben am Müllplatz, in der Schulstraße, die „für Mädchen wie mich eigentlich zu gefährlich ist“? Wer kann darüber schon urteilen, der dieses halbe Jahr nicht in meinem Spuren gelaufen ist.

Ich habe vieles gelernt, über eine mir vorher so fremde Kultur, über eine fremde Religion, ein fremdes Leben. Und ich bin Teil von dem Leben dort geworden, habe mich zurechtgefunden, viele befremdliche Situation erlebt und vieles hinnehmen müssen, das gegen meine eigenen Ansichten geht. Ich habe es geschafft.

Doch plötzlich ist es vorbei und ich werde wieder zurückgeholt. Bin zerrissen zwischen Freude auf das Wiedersehen mit meinen Liebsten und meiner Heimat und der Trauer über den Abschied von meinen anderen Liebsten, in meiner anderen Heimat.

Ich habe das Gefühl, dass niemand jemals verstehen wird, was ich erlebt habe und wie das Leben dort ist oder sein kann. Ich kann jedem nur raten, selbst einmal diese Erfahrung zu machen und fortzugehen. Von der Welt und den Ansichten, die man bisher kenngelernt hat. Unsere Erde bietet eine so große Vielfalt an Lebensweisen, an Kulturen, an natürlicher Schönheit. Ich wünsche jedem einzelnen, zumindest einen kleinen Teil davon zu sehen und sich damit selbst ein Stückchen näher zu kommen. Vielleicht war nicht alles positiv auf meiner Reise und ich bin mir über einiges klar geworden, an was ich in Zukunft arbeiten möchte, wer ich sein möchte und wer ich nicht sein möchte. Aber ich habe Ängste überwunden, ich habe Laster abgeworfen - sogar das Rauchen habe ich aufgegeben. Und ich bin mir sicher, ich habe mich selbst besser kennen gelernt – und freue mich jetzt darauf, mir selbst weiterhin zu begegnen und mehr über mich herauszufinden. Hoffentlich auch auf weiteren Reisen.

 

Die nächste Zeit wird nicht leicht für mich, das weiß ich. Und doch versuche ich, nicht wehmütig zurückzublicken, auf das was war – denn diese Zeiten sind Vergangenheit und kommen nicht zurück. Doch ich werde mit all den Erinnerungen, die ich in mir behalte, nach vorne sehen, auf das was ist und auf das was kommt. Und ich werde jeden einzelnen Tag genießen.

 

Und eines Tages werde ich zurückkehren, zu dieser meiner zweiten Heimat. Und vielmehr noch werde ich zu neuen Reisen aufbrechen und sehen, in welchen Orten dieser wundervollen Welt ich noch zuhause bin.

„Die beiden schönsten Dinge sind die Heimat, aus der wir stammen,  und die Heimat, nach der wir wandern.“ (- Heinrich Jung-Stilling)

Viele Erlebnisse und keine Gedanken an den Abschied

Montag, 15.09.2014

2 Monate sind vergangen und es ist vieles passiert. Wie immer, natürlich. Gerade sitze ich mit meiner Freundin und Mitarbeiterin Anna in einem ägyptischen Cafe irgendwo mitten in Hurghada. Meine letzte Woche in Ägypten angebrochen, die ich in ihrer Wohnung lebend verbringe, etwas weiter entfernt von meinem Zuhause, der chaotischen und immer lauten Mederes Street. Aber von Anfang an.
Ende Juli also, als noch Ramadan war (den ich übrigens überhaupt nicht vermisse) und ich mich oft wirklich einsam gefühlt habe (bis auf die Tage, an denen Deutschland im Fußball gewonnen hat – das Finale in der Caribbean-Bar war zu schön ;-) ), sind wir endlich nach Kairo gefahren, was für mich hieß, die gesamte Familie meines Freundes kennenzulernen. Zuvor hatte ich auf der Arbeit zusammen mit meiner Chefin das Projekt „Wassertank“ in die Wege geleitet. Der alte Wassertank vom Dach, der schon rostig war und nicht wirklich Trinkwasser spendete, sollte entfernt und ein neuer, größerer Tank unter der Erde platziert werden. Da meine Chefin als Ägypterin die nötigen Kontakte und Beziehungen hat, kümmerte ich mich lediglich um die Finanzierung durch die gesammelten Spenden und machte mich guten Gewissens auf den Weg in Ägyptens Hauptstadt.
Ich hatte Kairo ja bereits im Mai kennengelernt, doch es ist etwas anderes, in einem der ältesten Viertel, Sayeda Zeinab, bei einer durch und durch ägyptischen Familie zu leben statt in einem Hotel im Touristengebiet. Im Vergleich zu Hurghada empfand ich die Menschen dort als nicht allzu aufdringlich, allerdings fühlte ich mich wirklich schlichtweg wie ein Alien. Viele Leute starrten mich einfach nur an, als hätten sie noch nie einen Ausländer gesehen und bei den meisten war dies wohl auch wirklich der Fall. Und während ich in Hurghada öfters mal mit T-Shirt und kürzerer Hose durch die Straßen gelaufen bin (die Kommentare deswegen einfach selbstbewusst übergehend), hätte ich es in diesem ursprünglichen Viertel einfach nicht gewagt, da es offensichtlich unangebracht gewesen wäre.
Wir verbrachten die Zeit bei einer der Tanten meines Freundes. Ich hatte zuvor schon gehört, dass sie sehr gläubig ist und draußen auch den Niqab (Gesichtsschleier) trägt, was für mich zunächst befremdlich war. Aber sie begrüßte mich so herzlich (zumindest glaube ich das, sie spricht nämlich nur arabisch), dass sich bereits nach kürzester Zeit sämtliche Aufregung verflüchtigte.
In der Woche, die wir in Kairo verbrachten, gab es viel Familienbesuch. Die Cousine meines Freundes, „Bolbol“, nahm sich meiner an und zeigte mir viele Ecken Kairos, die alle so verschieden waren. Einmal saßen wir in einem Café direkt am Nil, einmal waren wir zum Bowlen mit Freunden in einem der modernen „In“-Viertel. Ich habe ein paar der großen, alten Moscheen von innen und von oben gesehen (als wir auf einen der Minarette hinaufklettern durften), viel Koshary gegessen und zum Fest wie die anderen Kinder Taschengeld bekommen. Ich habe mich so wohlgefühlt zwischen diesen Menschen, die mich kaum kennen und mich doch wie ein Familienmitglied behandeln.
Mit A. war ich im Azhar-Park, einer wunderschönen, großen gepflegten Grünanlage voller Blumen und Brunnen. Wieder einmal war es wie der Eintritt in eine andere Welt, da ich Kairo bislang nur als groß, dreckig, chaotisch und überfüllt gekannt habe. Abends schlenderten wir über den Khan el-Khalili Basar und wunderten uns über die Vielfalt und das bunte Treiben der Menschen dort, verhandelten über wunderschöne Tücher (natürlich hatten diese immer „best quality“) und rauchten Shisha in traditionellen Cafés.
Das Fest zu Ramadan-Ende habe ich allerdings nur im Kreise der Familie erlebt. Ich konnte nicht verstehen, warum weder A. noch Bolbol in die Innenstadt gehen wollten um das Fest mit vielen tausend anderen Menschen zu feiern, doch die Erklärung dazu war ernüchternd und deprimierend: es sei gerade für uns als junge Frauen einfach zu gefährlich. Gerade auf dem Tahrir gäbe es zu dieser Zeit viele Überfälle auf Frauen, Belästigung und nicht zuletzt Vergewaltigungen. So groß meine Neugierde auch war, musste ich mich damit abfinden, denn ich weiß, dass sie dieses Land viel besser kennen und wissen, was wir gefahrlos tun können und was nicht. Alles in allem war die Zeit in Kairo aber sehr schön und ich werde mich sicherlich immer an all diese Erlebnisse erinnern.
Wieder zurück in Hurghada (wo wir letztendlich Gott sei Dank noch ankamen, da A. und ich zuerst in den falschen Bus gestiegen waren und schon mitten auf der Hauptstraße panisch wieder hinausgestürmt sind, um noch rechtzeitig in den richtigen umzusteigen) lernte ich während einer eintägigen Schnorchel-Bootstour endlich Anna und ihre Tochter kennen. Sie hatte mich auf Facebook angeschrieben, da sie ebenfalls Soziale Arbeit studiert und in meiner Einrichtung auch ein halbjähriges Praktikum machen wollte.
Mit ihr hat sich mein Leben hier in Hurghada verändert. Zuvor habe ich zwar Freunde wie A. und C. gehabt, mit denen ich einiges erlebt habe, doch Anna ist mit 25 Jahren mehr in meinem Alter. Sie war zuvor bereits als Touristin in Hurghada, aber trotzdem hatte ich das Gefühl, als etwas erfahrenere Bewohnerin die Verantwortung zu haben, was mich sehr gefreut hat. Sie sprach mich oft auf Dinge an, die für mich so selbstverständlich geworden waren, dass ich sie gar nicht mehr wahrgenommen habe (so z.B. „Sag mal, ich dachte, dass Homosexualität in Ägypten verboten ist…aber hier laufen doch echt viele Schwule rum, Arm in Arm und mit Küsschen hier und da…“ (dieses Verhalten ist hier unter Männern tatsächlich ganz normal und rein freundschaftlich, es wirkt aber sehr befremdlich, wenn man es nicht weiß)) und mir wurde klar, dass ich mich in einigen Dingen tatsächlich schon sehr an die Gesellschaft und die Kultur hier gewöhnt habe.
Gleich nach ihrer Ankunft begannen wir (da Ramadan endlich zu Ende) mit dem Umbauprojekt auf der Arbeit. Der Wassertank war zumindest zu Teilen schon gebaut worden und wir planten den Ausbau und den Spielplatz für das Dach. Dies, das mussten wir schnell feststellen, gestaltete sich um einiges schwieriger als erwartet; nicht nur, weil wir die Sprache nicht wirklich beherrschen oder alles so langsam und schwerfällig passiert; sondern, weil viele der Arbeiter hier schlichtweg denken, sie können uns als Ausländerinnen bescheißen. Das klingt zwar hart, doch die Erfahrungen der letzten Wochen haben mich gelehrt, dass man nur wenigen Menschen, am besten aber nur sich selbst vertrauen kann.
Ein Beispiel: Die Außenwände des Flachdachs waren zwar gestrichen, jedoch in so miserabler Qualität, dass die Farbe nach dem starken Regen im März überall abgeblättert war. Die Ägypter sind nicht gerade Vorbilder im Thema nachhaltiges Bauen, das war aber gerade unsere Absicht: etwas schaffen, das Bestand hat, auch wenn wir wieder in Deutschland sind.
Wir engagierten also nach vielem Hin und Her einen Maler, der das Dach richtig verputzen und mit beständiger Farbe anstreichen sollte. Wir einigten uns auf einen Preis von 10 Pfund pro Quadratmeter, ungefähr also 1500 Pfund für das gesamte Dach. Der Maler erledigte seine Arbeit auch schnell und augenscheinlich recht ordentlich, wobei wir uns bis heute nicht sicher sind, ob er verstanden hat, dass die Wände nicht beim nächsten Regen wieder zerstört sein sollten. Es waren viele Diskussionen und einige Übersetzer zu unserer Hilfe nötig, um klarzumachen, dass die ägyptische „high quality“ wohl nicht ausreichend sein würde für unsere Vorstellungen.
Am Ende seiner Arbeit kam dann die Rechnung: das Dach hätte wohl 280 Quadratmeter, also läge der Preis bei 2800 Pfund. Auf den ersten Blick war klar, dass dies nicht der Fall sein konnte. Da Annas Bruder in Deutschland professioneller Maler und Lackierer ist, erklärte dieser, wie wir das Dach selbst ausmessen könnten, um die Angaben unseres Malers zu überprüfen. Wir maßen also in stundenlanger Arbeit alles aus und kamen auf das Ergebnis von 180 Quadratmeter, sprich 1800 Pfund. Die Antwort des Malers: „La-a“ (Nein). Unter unseren Blicken maß er, ebenfalls in zweistündiger Arbeit, das Dach erneut aus. Und kam auf ein Ergebnis von sogar nur 168 Quadratmetern. Also rechneten wir ihm vor, 168x10Le=1680 Pfund. „La-a“. Dann brach die Diskussion aus, er habe diese und jene Arbeit zusätzlich gemacht (um die wir ihn zwar nicht gebeten hatten, aber ok) und überhaupt müsse er einen Zuschlag von 2 Pfund pro Quadratmetern berechnen, da blablabla (die Argumentation seinerseits wandelte sich je nach Gegenargumenten unsererseits). Man muss dazu sagen, dass wir bereits 1000 Pfund für das Material gezahlt hatten und es ihm eigenhändig vorbeigebracht hatten (denn das war ja offensichtlich „nicht sein Job“, er verarbeitet nur). Sein Gewinn wäre also rein für den Arbeitsaufwand 1800 Pfund, doch er wollte mehr. Sechs Stunden Diskussion, überstrapazierte Nerven bei 40 Grad in der Sonne und ein erhöhtes Herzinfarktrisiko waren nötig, um letztendlich auf den unglaublichen Preis von 2300 Pfund zu kommen, denn unsere ägyptische Übersetzerin wollte nicht noch mehr Ärger provozieren.
Aber der Gute tut es ja „für Allah und die Kinder“.
Welcome to Egypt.
 Auch mit den anderen Arbeitern hatten wir Probleme, gerade wenn wir allein mit ihnen waren. Bei einem ging es sogar in die Richtung sexueller Belästigung, und an manchen Tagen hätte ich am liebsten alles hingeschmissen und mir einfach nur noch einen schönen Urlaub gemacht. Trotzdem haben wir bis zum heutigen Tag schon vieles geschafft, Räume mit Freunden und Freiwilligen in Nachtaktionen gestrichen, ein Schwebebett bauen lassen und ein zweites Schattendach errichtet. Auch ein Bällebad haben wir für die Kinder geplant, wenn wir auch bis jetzt noch nicht wissen, woher wir die Bälle bekommen werden.
Natürlich haben wir aber im August nicht nur gearbeitet. Nach so langer Zeit kam endlich mein Freund und ich dachte mir, jetzt wird endlich alles gut. Er verbrachte den ganzen August bei seiner Familie und mir, doch es traten Ereignisse ein, mit denen niemand von uns gerechnet hatte und die alles verändert haben. Ich möchte nicht darüber schreiben, da es um sehr persönliche Angelegenheiten geht (aber nicht mich oder unsere Beziehung betreffend), doch die Zeit mit ihm war für keinen von uns entspannend und die Zukunft ist noch ungewiss. Ich werde jedoch für meine ägyptische Familie da sein und ich bin mir sicher, dass alles gut werden wird.
(sitze nun nicht mehr im Café, der Eintrag hat wiedermal ein paar Tage gedauert.)
Aber wir hatten auch sehr schöne Tage. Durch Alis besten Freund, Hossam, war ich zum ersten Mal tauchen. Wir fuhren bereits sehr früh morgens vom King Tut Hotel aus ab und dann, auf dem offenen Meer, nachdem ich mich in die Tauchausrüstung rein gezwängt hatte (die im Übrigen dann doch ziemlich schwer ist) und nach einer ausführlichen Einführung von unserem Diving Instructor ging es endlich ca. 5 Meter in die Tiefe. Für das erste Mal war dies schon ein wirklich krasses Erlebnis…und während ich am Anfang noch panisch meine Tauchmaske und den Atemschlauch festhielt, konnte ich nach einiger Zeit entspannen und wir haben viele Fotos gemacht. Die Unterwasserwelt um Hurghada herum ist so bunt und voller Leben, und dabei ist es so still und friedlich. Insgesamt hatten wir zwei Tauchgänge und ich hatte keinerlei Probleme mit dem Atmen oder dem Druck auf den Ohren. Eine etwas brenzligere Situation gab es, als ich unter mich schaute und einen relativ großen, rötlichen Fisch sah, der so eigentlich sehr interessant und unschuldig aussah. Ich beobachtete ihn und machte Hossam darauf aufmerksam, der nach zwei Sekunden energisch mit den Armen zu wedeln begann, mich und Ali packte und so schnell es ging fortschwamm. Es handelte sich, so teilte er uns später mit, um einen Stonefisch, dessen Gift tödlich ist. Gut, dass ich das nicht vorher gewusst hatte.
Eine wirklich coole Partynacht, auf der wir die Red Sea Bikers besser kennen gelernt haben, hatten Anna und ich im Viking. Eigentlich wollten wir nur „auf einen Drink“, doch dann waren plötzlich viele Leute in meiner Lieblingsbar und wir unterhielten uns mit vielen Leuten und tanzten zu jeder Musik. Um vier Uhr nachts wachten wir plötzlich (und ich habe keinerlei Vorstellung, wie wir dorthin gekommen sind) in einem Restaurant irgendwo in der Schulstraße auf, das Essen hatten wir anscheinend schon mit vielen Extrawünschen bestellt. Genauso haben wir einen der Kellner gezwungen, uns Cola und Bier zu mischen. In der Flasche, versteht sich, wir wollten es ja schließlich mitnehmen (haben wir dann irgendwie aber doch nicht). Dann waren wir plötzlich irgendwo auf der Straße, umgeben von Straßenhunden, mit denen wir gespielt haben und Leuten, die uns dabei komisch angeschaut haben. Und dann war ich irgendwann im Bett.
Kareem, der Sänger im Viking und Leader der Red Sea Bikers, arbeitet eng mit meiner Chefin Madiha zusammen und ist sehr aktiv im Spendensammeln etc. Wir hatten uns lange mit ihm unterhalten, und neben der Arbeit und Projektvorhaben, die wir ausgetauscht hatten, hat er uns zu einer privaten Bootstour eingeladen. Dieser Trip war ganz anders zu den typischen Touri-Bootstouren…wir konnten hinfahren wo immer wir wollten, und halten solange wir wollten. Wir waren auf der Paradise Insel, die eigentlich total von Touristen überfüllt ist (auch wenn es wirklich makaber klingt, aber die kleinen Boote, die die Touris von den Schiffen übergesetzt haben, hatten etwas von Flüchtlingsbooten…dazu dann noch dieser überfüllte Strand von 6 Leuten pro Quadratmeter…auf der Insel gibt es allerdings einen privaten Strandabschnitt mit Strohmatten und –schirmen, wo das Wasser türkis und der Boden feinsandig ist. Die Touristen, die mit ihren Guides dorthin fahren, „dürfen“ dort meist nicht hin, da sie ja alle bei der Gruppe bleiben müssen, aber wir konnten für ein paar Pfund hinein und vom leeren, klaren Wasser den vorbeifahrenden Booten winken.
Zurück auf dem Boot ist später eine Art Wasserkrieg ausgebrochen und bis zum Abend war jeder vorsichtig, wenn er sich nur einem anderen zum Reden näherte, da jeder potenzieller Feind mit einer Ladung Eiswürfelwasser sein konnte. Auf dem Weg zurück gabelten wir ein paar verlorene Taucher auf, deren Boot anscheinend einfach ohne sie losgefahren war. Dann fiel der Motor unseres Bootes aus und wir mussten von einem weiteren abgeschleppt werden. Alles in allem also ein echter Abenteuertrip mit leckerem Essen (das dank der Wasserschlacht irgendwann geschwommen ist). Nicht zuletzt ist jeder von uns noch vom Dach des Bootes gesprungen. Und keiner hat geschimpft ;).

Selbige Bikergruppe hat uns bei Nacht-und Nebelaktionen in der Einrichtung Streichen geholfen (und das war ein echtes Abenteuer, wenn „deutsche Präzision“ auf „ägyptische Spontanität“ trifft)…zwar waren die Planen zum Abdecken des Bodens eine relativ sinnlose Investition, da sowieso NIEMAND darauf geachtet hat den Boden sauber zu halten, aber letztendlich sah zumindest der größte Raum, den wir bisher gestrichen haben sehr gut aus.
In der Zwischenzeit habe ich Abschied von meiner ägyptischen Familie genommen und bin für die letzte Woche nach Paradise Hill zu Anna gezogen. Sie hat einen Pool direkt vor der Haustür und eine echt schöne Wohnung.
Letzten Freitag sind wir mit der Bikergruppe (Brownie, Kareem, Tamara, Alice, David, zwei andere Typen:D, Saeed) nach Marsa Alam gefahren. Nach einer durchgemachten Nacht ging es um fünf Uhr morgens los und ich saß zum ersten Mal in meinem Leben auf einem richtig krassen Motorrad. Wir fuhren durch die Wüste, links von uns das Meer, in den Sonnenaufgang hinein. Es war ein unbeschreibliches Gefühl. Ich fühlte mich frei und sah vor meinem inneren Auge die Zeit, die ich hier erlebt hatte vorbeifliegen.
In Marsa Alam hatten wir paarweise ein Zimmer in kleinen Bungalows, die kreisförmig um einen Pool angeordnet waren. Es war sehr still und gemütlich, und die meisten fielen gleich todmüde ins Bett. Anna, Kareem, Kira und ich allerdings gingen zum Strand und schnorchelten, in der Hoffnung die berühmten Schildkröten und Seekühe von Marsa Alam zu sehen. Zwar sahen wir ein wunderschönes Riff mit vielen vielen Fischen, jedoch von den Schildkröten keine Spur. Anna und Kareem gingen dann irgendwann zurück zur Anlage, doch Kira und ich tauchten noch einmal mit einem der Diving Instructors und…sahen eine riesige Wasserschildkröte, wie sie am Seegrund graste. Ab und zu tauchte sie auf, um Luft zu holen, doch unser Anblick ließ sie absolut kalt. Ich war absolut überwältigt vom Anblick dieses so friedlichen Tieres, das sich so anmutig und leicht im Wasser bewegte.
Abends fuhren wir auf den Bikes dann noch zur nahegelegenen Marina zum Essen. Dort sahen wir so einen Mann, der sich immerzu im Kreis gedreht hat zu arabischer Musik. Ich weiß nicht mehr wie das heißt, es ist jedenfalls etwas typisch Ägyptisches und sehr schwer zu lernen. Er hat sich wirklich zehn Minuten am Stück gedreht, mit verschiedenen Dingen in der Hand und einem riesigen bunten Rock, ohne einmal zu stolpern oder die Position zu verändern!!
Der Heimweg am nächsten Tag war sehr anstrengend, ich bin mehrere Male auf dem Bike eingeschlafen, denn der uns entgegenkommende Wind und Sand waren alles andere als angenehm und haben sehr müde gemacht.

Tja und nun erlebe ich gerade meine letzten drei Tage hier…am Mittwoch geht es nach Hause. Es kommt mir noch so unwirklich vor und so seltsam, die Vorstellung, bald nach so langer Zeit wieder in dieses kalte, verregnete Land voller Regeln und Ordnung zu gehen. Als ich gestern Abend mit C. an der Marina saß und über diesen seltsamen Sommer und das letzte halbe Jahr redete, wurde mir klar wie schnell die Zeit vergangen ist, jetzt im Nachhinein betrachtet. Ich möchte noch nicht darüber nachdenken, ehrlich gesagt. Ich erinnere mich, dass L. vor ihrem Abflug im Mai soetwas gesagt hat...dass sie noch Zeit braucht. Ich habe das nicht verstanden und dachte, wofür denn? Doch jetzt denke ich genau das gleiche.

Es ist alles noch so unfertig, ich brauche noch Zeit hier! Ich will gehen, aber irgendwie auch nicht. Und die Stunden vergehen und ich weiß nicht, ob ich mich darüber freuen soll, denn innerlich macht sich eine Art Panik breit. Ich kann noch nicht darüber nachdenken...ich will noch nicht.
 

Vom Kulturschock in Grün zum Ramadan

Mittwoch, 09.07.2014

Und wieder ist seit meinem letzten Eintrag viel Zeit vergangen. Ich kann nicht glauben, wie schnell die Zeit vergeht und dass ich mich im letzten Drittel meines Aufenthaltes in Ägypten befinde. Es ist so viel passiert, ich habe einiges erlebt und mich sicherlich auch ein bisschen verändert.
Hier einmal mehr eine Zusammenfassung von dem, was sich ereignet hat.
Vor meiner Reise nach Deutschland haben meine „Schwiegerfreundin“/Gastmutter/Omali und ich an einer typischen Touristenattraktion, der „Ghost City Tour“ teilgenommen. Wir wurden von einem Jeep quasi vor der Haustür eingesammelt und kurvten dann eine lange Zeit durch Hurghada und Umgebung, um die anderen TeilnehmerInnen abzuholen.
Die „Ghost City“ ist eine Stadtruine weit außerhalb Hurghadas, eigentlich mitten im Nirgendwo. Wir wurden an einem Checkpoint abgeladen und nach einem Tee und ein bisschen Geplauder wurde unsere Gruppe unterteilt in diejenigen, die mit dem Quad in die Wüstenstadt fahren wollten und die, die bequem mit dem Jeep nachkommen sollten. Natürlich habe ich mich für die Quad-Tour entschieden, immerhin hielt ich mich für abenteuerlustig, allerdings habe ich schnell festgestellt, das Quadfahren nicht so ganz mein Ding ist. Die Wüste hier ist eben ziemlich felsig und holprig und dieser wackelige, in meinen Augen kurz vor dem Zerfall stehende laute Kasten unter mir schien nicht das beste Mittel, um mit bahnbrechender Geschwindigkeit darüber zu fahren. Die Tatsache, dass die Gruppe ein paar Mal anhalten musste, weil ich irgendwo in die Pampa hineingefahren bin, hat es nicht besser gemacht. Ich hätte mir gleich denken können, dass jemand wie ich, der Gleichgewichtsstörungen auf seinem Fahrrad hat und ein Jahr lang trotz Führerschein partout kein Auto fahren wollte, nicht der richtige Kandidat für so etwas ist.
Nichtsdestotrotz hat sich der Weg gelohnt. Die ehemalige Stadt entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch diejenigen Arbeiter, die den Auftrag hatten, die vorhandenen Ressourcen aus den Bergen zu schöpfen. Durch die Familien der Arbeiter entstand eine richtige Stadt mit Schule, Moschee etc. Wir liefen durch die Ruinen all dieser Häuser und Bauten, da nach Beendigung des Abbaus die Stadt nach und nach verlassen wurde. Die Menschen nahmen alles mit, was sie in irgendeiner Weise nutzen konnten, doch viele alltägliche Gegenstände wie Schuhe, Töpfe, Tafeln liegen nach wie vor dort, als wären sie eben noch gebraucht worden.
Wer sich an dieser Stelle näher für die Geschichte der Stadt interessiert, sei auf die Homepage verwiesen (findet man bei der Suche nach Ghost City Egypt).
Ein paar Tage nach dieser erlebnisreichen Tour, am 5. Juni, verabschiedete ich mich für drei Wochen von Ägypten. Ich war sehr entspannt am Flughafen und habe ein paar nette Leute getroffen, die auf Urlaub hier waren und sich viele Alltagsgeschichten von mir über das Land erzählen ließen. Insgeheim war ich verwundert und mir wurde klar, wie wenig die Leute, die lediglich zwei Wochen im Hotel verbringen und am Strand liegen, über Ägypten wissen. Da war ich schon ein bisschen stolz auf das, was ich hier schon so alles erlebt habe.
Kleine Anekdote am Rande, auch wenn ich damit keinesfalls Leute zum illegalen Aufenthalt in Ägypten anstiften möchte…mein Visum war eine nicht unerhebliche Zeit abgelaufen (und irgendwie hatte ich es verschwitzt, aufs Visaamt zu gehen um ein neues zu beantragen…)…es hat hier niemanden wirklich interessiert, Europäer haben hier einen guten Stand und werden deswegen sicher nicht rausgeworfen. Am Flughafen fällt normalerweise eine Strafe an, 150 Le (ca. 15 Euro) wurde mir gesagt. Okay, dachte ich, ist ja mein eigenes Pech, wenn ich so etwas versäume…der erste Flughafenmann schaute mich lange an und meinte „Dein Visum ist abgelaufen.“ Ich schaute zurück und nickte demütig. „Du musst bezahlen, das weißt du?“ Wieder nicken. Er winkte mich weiter. So ging es mir mit einem weiteren Beamten, der immer wieder kritisch mich, dann kritisch mein Visum anschaute und mich mit einem schelmischen Grinsen weiterwinkte. Den letzten Kontrollmann grüßte ich auf Arabisch, woraufhin er gleich viel freundlicher wirkte. Er schaute mein Visum an und fragte, was ich denn so lange hier gemacht hätte. Ich erklärte ihm kurz meine „ehrenamtliche Tätigkeit“ in Al Amal. „Kommst du wieder?“ fragte er. „Ja, ich komme wieder.“ Da gab er mir meinen Reisepass zurück und winkte mich durch. Auch das ist eine Seite Ägyptens.
Deutschland war ein kleiner Kulturschock in Grün für mich. Ich hatte schon beinahe vergessen wie es ist, Luft zu holen und den Mund nicht voller Sand zu haben. Oder über eine Straße zu gehen, die nicht aus einer Aneinanderreihung metertiefer Löcher besteht. Aber ich habe plötzlich auch vieles an Ägypten zu schätzen gewusst. Etwa die Tatsache, dass so etwas wie eine „Nachtruhe“ nicht existiert und Supermärkte zu jeder Tages-und Nachtzeit geöffnet haben. Viele Deutsche, die vergleichsweise ein angenehmes, fleißiges Gemeindeleben führen haben Probleme, die bei den Ägyptern auf ratlose Blicke oder besser, auf vollkommen verständnislose Verwirrung stoßen würden. So zum Beispiel meine auf ihre Art liebenswerte Nachbarin, die sich mal wieder darüber beschwerte, dass das Unkraut unseres Vorgartens unaufhörlich über ihren Zaun in ihr wunderbares Blumenbeet hineinwächst. Hier beschwert man sich darüber, dass der Müll mal wieder vor dem eigenen Balkon verbrannt werden muss oder dass das Kloakenwasser mal wieder die ganze Straße geflutet hat. Naja wobei, beschweren ist übertrieben, man nimmt es mit hochgezogenen Augenbrauen und einem geseufzten "Maalesh" zur Kenntnis.
Nichtsdestotrotz war meine Zeit in Deutschland schön, auch wenn ich nicht allzu viel Zeit zum Entspannen hatte. Die erste Woche verbrachte ich als eine Art Auszeit mit meinem Freund in Coburg, wo wir beide studieren. Ich habe das Gefühl so vermisst, mich auf eine Wiese legen zu können, in Top und kurzer Hose durch die gepflegten Straßen zu laufen und jeden Menschen, egal ob Mann oder Frau, freundlich zu begrüßen und anzulächeln. Wie sehr wünsche ich mir diese Freiheit für Ägypten. Die eigene Freiheit, alles zu tun, was einem anderen nicht schadet.
Die beiden anderen Wochen war ich in meiner Heimat im Saarland, um das geplante Spendenprojekt für meine Einrichtung durchzuführen. Ich kann nur sagen, dass ich überwältigt vom Gesamtergebnis dieses Projekts war. Ich hatte zuvor einen einfachen Zeitungsartikel in unser Gemeindeblatt gesetzt und in den Pfarrbrief (da meine Heimat wirklich einem kleinen, traditionellen Dorf gleichkommt), Telefonnummern und Spendenadresse angegeben und kleinere Aktionen geplant, wie etwa Muffin-Verkäufe im Kindergarten, in dem meine Mutter Leiterin ist oder Kuchenverkauf an Fronleichnam vor der Kirche. Zwar hatte ich das große Ziel von 2500 Euro in die Zeitung geschrieben, aber niemals damit gerechnet, diese Summe auch zu erreichen. Tatsächlich habe ich jedoch Spenden über 3500 Euro innerhalb dieser zwei Wochen erhalten. Die Menschen waren der absolute Wahnsinn. Ich war immer präsent mit Bildern von der Arbeit und ausführlichen Erklärungen über Ägypten und die Leute zeigten Hilfsbereitschaft, nicht zuletzt, weil sie mich alle schon kennen, seit ich ein kleines Kind war (der Vorteil des Dorflebens). Viele riefen mich an, machten anonyme Spenden oder sammelten in ihrer Nachbarschaft, einige starteten sogar selbst kleinere Verkaufsaktionen und gaben mir den Erlös. Ich besuchte Menschen zuhause, die selbst in Ägypten gelebt haben oder sich mit dem Land beschäftigten, führte Diskussionen und schilderte Lebensumstände. Ich war schlichtweg fassungslos von dem Einsatz der BewohnerInnen meines kleinen Heimatortes.
Jetzt, wieder zurück in Ägypten, werde ich dieses Geld für viele notwendige Dinge in der Einrichtung verwenden. Allerdings stellt sich mein Vorhaben zurzeit schwieriger als erwartet dar, weil Ramadan.
Ramadan, der heilige Fastenmonat im Islam, schafft es tatsächlich, die durchaus manchmal etwas gemütlichere und langsamere Art der Ägypter noch gemütlicher und langsamer zu machen. Kein Wunder, da zum Fasten gehört: nicht essen, nicht trinken, nicht rauchen…vom ersten Gebet bis zum vorletzten, in Ägypten also ca. 15 einhalb Stunden. Kein Wunder, dass da dem ein oder anderen die Lust vergeht zu arbeiten. Auch meine Einrichtung hat über diesen Zeitraum geschlossen, da sowieso nicht viele Kinder kommen zurzeit, sodass ich mich ganz dem Umbau-/Ausbauprojekt widmen könnte. Allerdings stellte es meine Chefin und mich bereits vor eine Herausforderung, überhaupt Menschen zu finden, die (wohlgemerkt für gutes Geld) während des Ramadan arbeiten wollen (auch nicht nach dem Fastenbrechen zu Sonnenuntergang).
(Wen es interessiert, der kann bei Facebook nach Al Amal Association for Special Needs suchen, meiner Praktikumsstelle, für Menschen mit Behinderung. Dort werden wir auch, sobald es Fortschritte gibt, Bilder hochladen etc.).
Nun haben wir zwar einiges geplant, doch es geht ziemlich schleppend voran und im Moment befinde ich mich in einer eher trägen, lustlosen Stimmung. Manchmal kommt es mir vor, als würde dieses Land jedem noch so motivierten Menschen innerhalb kürzester Zeit sämtliche Lebensenergie aussaugen. Aber ich weiß, ich habe viel Verantwortung und werde mein Bestes geben, das Projekt weiter voranzutreiben. Letztendlich ist es für die Kinder der Einrichtung.
Eine Aufmunterung in diesem sonst wirklich sehr ereignislosen Monat ist die Weltmeisterschaft. Zwar sind viele Ägypter hier ein bisschen neidisch, dass ihr Team es nicht einmal in die Vorrunde geschafft hat, aber einige jubeln doch für die Deutschen mit. Nur die Deutschen selbst, sowohl Urlauber als auch Einwohner, wirken in ihrer Freude sehr verhalten. Wir schauen die Spiele in der Caribbean-Bar, wo viele Deutsche hinkommen, doch selbst nach dem 7:1 Sieg war außer einem schwachen „Juhu“ nicht viel Jubel zu hören. Vielleicht haben die Leute Angst, vielleicht sind sie Jubelmuffel, vielleicht ist der englische Kommentator nicht mitreißend genug (ARD und ZDF besitzen in Ägypten seit diesem Jahr keine Rechte mehr für die Ausstrahlung der WM).

Jetzt bin ich gespannt auf meinen nächsten Besuch in Kairo. Es ist nur anständig und gehört sich so, dass man Ramadan so gut es geht mit seiner Familie verbringt. Also fahren meine Gastmutter, mein „Bruder“ und ich bald dorthin (mein Gastvater ist schon vorgereist) und bleiben bis nach den Festtagen zum Ende des Ramadan. Ich freue mich eigentlich darauf, den Ramadan mit all seinen Traditionen zu erleben, allerdings bin ich ein bisschen nervös wegen der ägyptisch-ägyptischen Familie, die ich dort kennenlernen werde, zumal mein Arabisch immer noch nicht das allerbeste ist, um es mal nett auszudrücken. Nun ja, ich werde sehen, wie es kommt…

Ägypten, immer wieder eine Herausforderung.

Wie ich ein bisschen ägyptisch wurde.

Dienstag, 27.05.2014

Jetzt schreibe ich also nach über sieben Wochen wieder, sieben Wochen, in denen so viel passiert ist, dass ich es gar nicht alles niederschreiben kann. Ich ärgere mich ein bisschen über mich selbst und meine chronische Unlust, mich vor den Laptop zu setzen und einfach zu tippen…das Leben draußen ist mittlerweile einfach zu verlockend. Überhaupt habe ich im letzten Monat eine Art Verwandlung erlebt, die mir einerseits zu denken gibt und mich andererseits unendlich glücklich macht. Ich bin angekommen, ich fühle mich endlich wie zuhause.
Anfang April sah das noch ein bisschen anders aus. Da habe ich nur darauf gewartet, dass mein Freund endlich zu Besuch kommt. Er war da vom 8.-15. April, viel zu kurz, und doch habe ich in der Zeit erlebt, wie kompliziert so eine Beziehung in Ägypten sein kann.
Zunächst war ich natürlich seine „Verlobte“, wenn es hart auf hart kam waren wir auch schon mal verheiratet. Im Vorhinein wurde uns nahegelegt, orfi zu heiraten, damit wir uns auch ein Zimmer teilen dürfen. Da ich das mit einer ziemlich eindeutigen Meinung abgelehnt habe, blieben wir halt getrennt und auch sonst hatte ich vor allem anfangs das Gefühl, dass jeder im Haus die Ohren gespitzt hatte, sobald wir ein Wort miteinander wechselten. Es gab einfach nicht wirklich Privatsphäre und ich habe mich ständig beobachtet gefühlt, was mich so manches Mal wirklich genervt hat.
Erstmal zur Orfi-Ehe: Mir wurde das so erklärt. Das ist ein Schein, auf dem vor zwei Zeugen festgehalten wird, dass Mann A und Frau B verheiratet sind. Diesen Schein kann man sich ohne großen Aufwand bereits vorgefertigt im nächsten Bookshop besorgen, einen Zeugen findet man auch im Taxifahrer und dann gehört noch ein Geistlicher oder Anwalt etc. dazu, rechtswirksam ist das Ganze jedoch nicht. Der Schein hat eine große Macht, denn: Frau und Mann sind „verheiratet“, das heißt sie können ohne Sorgen und Angst vor Gott miteinander schlafen und zusammen wohnen, ohne jedoch schwerwiegende Pflichten gegenüber dem anderen zu haben. Wenn lästige Nachbarn oder wer auch immer fragt - die sind doch verheiratet, denen kann man nichts böses nachsagen. Natürlich hat dieser Schein mittlerweile einen gewissen schlechten Ruf, denn da man ihn auch schnell wieder vernichten kann, wird er vor allem von den ägyptischen Männern hier als Freifahrtschein genutzt, um eine Zweiwochenehe mit einer Touristin zu führen, die Zeit zu genießen, die „Ehe“ zu beenden und dann auf die nächste zu warten. Meiner Meinung nach ist das Ganze ein sehr scheinheiliges Schlupfloch, um die gesellschaftlichen und religiösen Normen zu umgehen…weshalb ich es auch nicht gemacht habe. Vielleicht wäre dadurch alles einfacher gewesen, aber wenn ich heirate, dann richtig und zwar wann und wo ich es will.
Trotz allem hatten wir eine schöne Zeit, nicht zuletzt, als wir (alleine!) mit einem Reisebus für zwei Tage nach Luxor gefahren sind. Vier Stunden dauerte die Hinfahrt, danach ging es mit unserem für diese Zeit persönlichen Reisebegleiter gleich über den Nil und zum Tal der Könige. Luxor hat viel eindrucksvolle Geschichte zu bieten, und ehrlich gesagt gefällt mir die Stadt viel besser als Hurghada. Durch das Nilwasser ist alles viel grüner und voller Felder, zwar gibt es auch dort viel Müll, doch trotzdem wirkt das Stadtbild einfach gepflegter.
Das Tal der Könige ist umgeben von großen Fels-und Sandbergketten, welche dem ganzen schon etwas Geheimnisvolles und Eindrucksvolles geben. Die Eingänge zu den Gräbern liegen in diesen Bergen, von dort geht es dann meist steil in den Berg hinein bis zur Grabkammer. Die Wände sind über und über voll mit Hieroglyphen, die zu großen Teilen immer noch die leuchtenden Farben von damals tragen. Es war echt toll, ich hatte mir schon lange gewünscht, das alles mal „in echt“ zu sehen. Nochmals Pech, dass A. und ich nicht verheiratet sind, denn für Ägypter und deren Frauen kostet der Eintritt 4 Pfund (also ca. 40 Cent), für Touristen 100 ;-)…

Danach waren wir noch im Hatschepsut-Tempel, von dem aus man einen weiten Blick über Luxor hat. Es war ein bisschen schade, dass wir niemanden hatten, der uns viel zur Geschichte sagen konnte, aber allein der Anblick war beeindruckend, und es gibt ja nicht umsonst Bücher und Internet zum Nachlesen.
Übernachten konnten wir in einem zu vermietenden Appartement von E., einer sehr netten deutschen Frau, die ich schon vorher in Hurghada kennen gelernt hatte. Das Haus mit den Wohnungen liegt außerhalb des Stadtkerns in einer Art Urwald. So kam es mir zumindest vor, als wir mit dem Kleinbus über die erdigen Wege geholpert sind, zwischen kleinen einfachen Bungalows durch, die teilweise nicht einmal Fensterscheiben oder Türen hatten, an Eselwägen vorbei, das Zirpen irgendwelcher exotischen Tiere in den Ohren. Und es herrschte eine angenehme Ruhe, kein Hupen, keine schreienden Verkäufer. Einfach nur die Natur.
Abends waren wir in einem wie mir schien tiefägyptischen Restaurant direkt am Nilufer, nicht weit entfernt von unserer Unterkunft; das Essen war fantastisch. Ich war sprachlos, als wir EIN Gericht bestellten, dann aber gefühlte dreißig Teller auf dem Tisch stehen hatten mit Suppen, Gemüse, Reis, Hühnchen, gefüllter Taube, Kofta etc. Dazu „Dom“ (ein irgendwie holziger Saft) mit Milch und Obst und einfach alles. Und das für umgerechnet ca. 15 Euro.
Am nächsten Tag waren wir bereits früh wieder unterwegs, um genug Zeit in der Tempelanlage von Karnak zu haben. Ich habe mich so winzig klein gefühlt, als wir zwischen den Säulen und Pylonen und Statuen gelaufen sind, die über und über bedeckt waren mit Hieroglyphen. Teilweise waren sogar hier noch die Farben erhalten. Ich wünschte, es wären nicht bloß noch die Überreste vorhanden, obwohl diese nach so langer Zeit immer noch Macht ausstrahlen. Mittendrin zu stehen und sich so unscheinbar und unwichtig zu fühlen und richtig zu spüren, dass dieser Ort für etwas Größeres geschaffen wurde, präzise geplant und gut durchdacht…es war einfach nur beeindruckend.

Nachdem wir den halben Tag durch die Anlage gewandelt waren, wollten wir abends mit dem Minibus die vierstündige Heimreise antreten, da mein „kleiner kleiner Bruder“ Geburtstag hatte und abends feiern wollte. Das sah dann so aus: wir bezahlten die Fahrt und hockten uns in den wirklich sehr kleinen, sehr engen Minibus, in dem schon ein paar andere Leute warteten, sich Luft zufächelten und vor sich hin transpirierten. Insgesamt warteten wir wohl so ca. anderthalb Stunden, denn diese Busse fahren, wie ich dann hörte, erst los, wenn sie voll sind, damit es sich „auch lohnt“. Ich habe A. gefragt, was denn passiere, wenn mal zufällig an einem Tag nicht so viele Leute mitfahren wollen, ob der Bus dann nicht fahre? - „Ach, eigentlich wollen da immer genug mit, wenn man lang genug wartet.“
Na dann ist ja alles klar, und da die Ägypter das mit der Zeit eh nicht so genau nehmen, macht es auch kaum einen Unterschied, ob man auf seine Mitfahrer eine Stunde oder vier wartet. Zeiten für Verabredungen und Termine sind sowieso relativ.

Nachdem mein Freund wieder nach Deutschland zurückgeflogen war, saß ich für einige Tage in einem recht tiefen Loch. Dies hatte zwar auch mit ihm zu tun, in erster Linie aber damit, dass ich Deutschland so vermisste. Ich fühlte mich fremd und wütend wegen all dem Negativen, das einem hier eben jeden Tag ins Auge springt, und obwohl so viele Menschen um mich rum waren, die ich gern habe, fühlte ich mich einsam.

Es gab viele kleine Dinge, die mich da wieder rausgeholt haben.
Kurz vor Ostern waren C., ihre Freundin G., L. und ich in El Gouna. El Gouna liegt etwas entfernt von Hurghada, sodass wir mit einem Rollstuhl-geeigneten Transporter gefahren sind. Dieser Ort ist das „Paradies“ dieser Gegend. Es ist eine kleine, vom Rest der Welt abgetrennte Stadt, die man nur nach vorheriger Kontrolle befahren darf. Im Gegensatz zu Hurghada ist es dort sauber; es gibt ausgebaute Straßen, Verkehrsschilder und Regeln (!), gepflegte Rasenflächen, schöne Häuschen der Reichen, eine Altstadt mit Shopping-Möglichkeiten (alles sehr exklusiv natürlich) und den Hafen mit seinen Cafés, Stränden und Partys.
Wenn man wochenlang Chaos, Müll und Lärm um sich hat, wirkt dieser Ort tatsächlich wie eine Oase. Wir hatten einen erholsamen, fernab von der Realität stattfindenden Tag dort, jedoch war es alles so unecht. Die Menschen, die dort leben oder Urlaub machen, sind komplett abgeschottet von dem echten Ägypten mit all seinen Eigenarten und Besonderheiten. Es kam mir so vor, als wollte dieser Ort sich selbst zu etwas Besserem machen, dem „Abfall draußen“ den Rücken kehren und exklusiv nur die Reichen und Schönen hineinlassen (weshalb ich mich dort auch so fremd gefühlt habe ;-)). Es war eine nette Erfahrung, das auch mal zu sehen, aber trotzdem war ich froh, als wir abends wieder zuhause waren. Einen Tag lang Tourist spielen hat gereicht.
An Ostern, den Tagen, an denen ich besonders gern bei meiner Familie gewesen wäre, habe ich einen Gottesdienst besucht, den die hier lebenden Deutschen organisiert hatten. Zwar war das Ganze im „Deutschen Restaurant und Biergarten“ nicht ganz so feierlich, die „Predigt“ vom Pastor eher kritisch und manchmal etwas zu metaphorisch, aber das Essen danach war lecker und die Leute sehr nett. Die Deutschen hier sind nochmal ein Volk für sich. Aber ich finde es toll, dass sie solche Veranstaltungen organisieren.
Meine Nachbarin L. hat eine kleine Straßenkatze gefunden, die wir eine Woche lang aufgepäppelt haben. Wir haben sie Cleo genannt und beschlossen, dass ich sie nehme, wenn L. Mitte Mai wieder nach Deutschland zurückgeht. Wir haben sie noch zum Tierarzt gebracht, da sie sehr kränklich und mager war, der hatte noch Medikamente verabreicht, doch leider ist sie gestorben.
In dieser Zeit haben meine Schwiegermutter in spe, L. und ich die Tage damit zugebracht, eine große Wand mit dem Motiv der Beatles und des Yellow Submarine zu bemalen (die nebenbei bemerkt fast noch besser aussieht als das Original aus dem Film ;-)). Ich hatte eine Aufgabe, die mich ein bisschen abgelenkt hat von allem. Außerdem haben wir unsere freitäglichen Ausgänge ins „Vikings“, einer sehr bekannten und von allen möglichen Nationalitäten besuchten Bar begonnen. Nicht zuletzt habe ich eine Kickbox-Gruppe gefunden, mit der ich seit einem Monat zweimal wöchentlich trainiere. Ich freue mich jedes Mal tierisch, denn die sehr gemischte Gruppe von Holländerinnen, Ägyptern, Deutschen und Spaniern sind zwar allesamt mindestens 10 Jahre älter als ich, aber unheimlich lieb und witzig.

Bevor man sich jetzt wundert, ja, ich arbeite immer noch. Ich mache immer noch Praktikum in der Einrichtung für Kinder mit Behinderung. Doch im Moment fehlt es mir dort sehr an Motivation. Es sind derzeit fast keine Kinder da, weil Ferien sind und viele Familien dann verreisen. Außerdem ist dort eine Trägheit ausgebrochen, die fast nicht zum Aushalten ist. Die meiste Zeit verbringt dort jeder mit Nichtstun, und die Kinder werden neben ihren Förderstunden zum Stillsitzen erzogen. Jede Idee für eine Aktivität wird abgelehnt, da es oftmals auch am Geld für die Umsetzung fehlt.
Alle Energie, die ich dort noch aufbringen kann, stecke ich deswegen in ein Fundraising-Projekt mit dem Ziel, genug Geld zu sammeln, um den Ausbau des Dachs zu ermöglichen (auf das wegen fehlendem Außengelände sowas wie Schaukeln, Rutsche etc. sollen, alles überspannt mit einem Sonnensegel). Und da ich mich in meiner Heimat relativ gut auskenne, habe ich beschlossen, das Projekt in Deutschland in meinem Heimatort zu machen, Kindergärten, Kirche etc. zu involvieren, ein Spendenkonto einzurichten, Kuchenverkäufe etc. zu organisieren und in erster Linie Informationen zu geben und Werbung zu machen. Ich bin mal gespannt, wie das wird. Das Ganze kam mir in den Sinn, als ich beschloss, im Juni für eine gewisse Zeit nach Deutschland zu gehen und es sich anbot, alles miteinander zu verbinden. Auf die Reise zu meinem Freund und zu meiner Familie freue ich mich sehr und ich hoffe, es gibt mir Energie, auch die nächsten drei Monate noch weiterzumachen.

Doch eigentlich geht es mir gut. Eine Wandlung und Befreiung von vielem Negativen hat meine einwöchige Reise als persönliche Assistenz von C. nach Kairo bewirkt.
Eigentlich wollte C. ihren guten Freund und Assistenten mitnehmen, doch er darf, da er Ägypter und sie Europäerin ist, nicht mit ihr in ein Hotelzimmer, obwohl sie Orfi verheiratet sind (das jedoch unter anderen wegen genau dieser Geschichte). Aus diesem Grund habe ich mich kurzfristig entschlossen, meiner Arbeit eine Woche adé zu sagen und als offizielle persönliche Assistenz mit C. Kairo zu erleben. Ich hatte am Anfang etwas Angst, denn die Situation dort war wegen den ganzen politischen Auseinandersetzungen angespannt. So haben die Moslembrüder die letzten Wochen jeweils symbolisch nach dem Freitagsgebet immer einen Bombenanschlag verübt, nicht zuletzt auf eine Metrostation.
Trotz allem saßen wir am Sonntag, den 4. Mai um 6 Uhr morgens abreisefertig in C.‘s Küche und warteten auf den für sie geeigneten Transportbus. Die Fahrt dauerte mit Rast mitten in der Wüste in einem Restaurant, damit wir frühstücken konnten ca. 8 Stunden, sodass wir um ca. 14 Uhr im „Novotel“ ankamen. Das Hotel an sich war echt wunderschön, doch von der versprochenen Barrierefreiheit war nicht so viel zu sehen. Ich habe schnell gelernt, die Welt von C.‘s Blickwinkel aus zu sehen. Die Stufe vorm Hoteleingang und vor allem das katastrophale Badezimmer auf unserem Zimmer mit einem Türstopper direkt vorm Klo (!) haben uns jeden Tag viele Nerven und viel Zeit gekostet. Die Woche war sehr anstrengend, doch ich habe vieles gelernt über die Arbeit als Assistenz, über die Ansicht einer voll aktiven Frau im Rollstuhl, deren Barriere ihre Umwelt, nicht ihr Rollstuhl ist, und über den schmalen Grat zwischen Selbstbestimmung und Abhängigkeit.
Die Stadt Kairo hat mich verzaubert. Ich kann nicht genau sagen, was den Charme letztlich ausgemacht hat; es war wahrscheinlich einfach das Leben auf den Straßen. Obwohl Kairo allein im „zentralen Stadtgebiet“ schon fast 9 Millionen Einwohner hat (Schätzungen geben bis zu 25 Millionen für den gesamten Großraum an) wirkte es auf mich wie eine Aneinanderreihung von kleinen Dörfern, die alle komplett unterschiedlich sind und miteinander nicht viel zu tun haben. Unser Hotel lag fast direkt am Nil, vom Dach aus konnte man sogar den Tahrir-Platz sehen. Die vielen Hochhäuser, Hotels, Firmen, die historischen Sehenswürdigkeiten und Plattenbauten dazwischen. Der Verkehr war zwar der Wahnsinn, an den Knotenpunkten kam man kaum von der Stelle, doch C. und ich hatten unseren Spaß…die schönsten Momente waren die, wenn wir bei Sonnenuntergang über die Qasr al-Nil Bridge Richtung Downtown gefahren sind; sie in ihrem E-Rollstuhl, ich hinten draufstehend. Manchmal habe ich mich gefühlt wie die Queen, wenn ich den Leuten im Vorbeifahren zuwinken musste, weil sie pfiffen und uns „Welcome to Egypt“ zuriefen. ;-)
Als C.‘s Freund dann seinen Cadillac wieder zum Laufen gebracht hatte, konnten wir sogar im Auto durch Kairo fahren, was uns viel freier machte und uns bis spät nachts auf den Straßen hielt. Wir waren in unzähligen Cafés zum Shisha rauchen und um typisch Ägyptisch zu essen, um die Märkte und Gassen zu sehen, in denen so viele Geschichten passieren, jeden Tag. Sehr eindrucksvoll war die „Totenstadt“, durch die wir glücklicherweise (ha ha) bei Nacht gefahren sind: Es ist ein historischer Friedhof mit vielen Mausoleen und Gräbern, in dem sich aber vor einigen Jahren aufgrund des Platzmangels innerhalb Kairos viele Menschen niedergelassen haben. Es ist zu einer Art Slum geworden, die Menschen dort leben „auf Gräbern“, haben dort ihre Schlafkammern und Häuschen, sogar kleine Supermärkte etc. Es ist ein höchst befremdlicher Anblick, und in der Dunkelheit ist die Vorstellung trotz allem irgendwie gruselig.
Ich habe in Kairo viel von der ägyptischen Herzlichkeit mitbekommen, die ich im touristischen Hurghada vermisst habe. Und das hat mich letztendlich in meinen Gedanken verändert…und plötzlich wache ich auf, auf einer Felucke mitten auf dem Nil, öffne die Augen zum ersten Mal richtig und sehe die Schönheit und die Besonderheit des Lebens in Ägypten. Und ein großer Stein, den ich schon ewig mit mir herumgetragen habe, verabschiedet sich für immer von mir und versenkt sich im dunklen Wasser.
Ja, Kairo war eine einzigartige Zeit mit tollen Menschen. Auch nach unserer Rückkehr haben wir viel miteinander unternommen, waren am Strand und nicht zuletzt jeden Freitagabend im Vikings (wo uns jeder zweite schon namentlich begrüßt und der Kellner gar nicht mehr fragt, was er uns hinstellen soll…). Mitte Mai hat uns leider unsere liebste Nachbarin L. verlassen, die jetzt wieder in Deutschland hockt und ohne die irgendetwas Essenzielles fehlt. Wir haben für sie eine Abschiedsparty auf dem Hoteldach organisiert, auf dem ich schon meinen Geburtstag gefeiert hatte.

 

Letzten Freitag haben wir den Sonnenaufgang am Meer gesehen. So sehr ich mich auch auf meinen baldigen Deutschlandurlaub freue, zum ersten Mal habe ich das Gefühl, ich werde Ägypten vermissen.

Über die letzten beiden Wochen

Sonntag, 23.03.2014

Mein letzter Eintrag ist nun schon etwas länger her, aber so läuft das hier eben: man weiß nie, was so passiert und was alles dazwischen kommt, man wollte doch eigentlich noch dies und das, aber hat es dann doch nicht gemacht. ;-)

Also rekonstruiere ich mal bestmöglich die letzten zwei Wochen.

Das Hochwasser in Hurghada hat nicht so lange angehalten, wie ich dachte, die Sonne hat bereits am nächsten Tag ihr bestes gegeben und alles relativ bald wieder getrocknet. Also waren A. und ich sonntags (10.03.) nach der Arbeit an der Marina. Es ist ein für die Touristen hübsch gemachter, ruhiger Hafen mit türkisfarbenem Wasser, vielen Booten wahrscheinlich ziemlich reicher Leute und kleinen Cafés. Da der Tourismus in Hurghada durch die politische Situation Ägyptens ziemlich zusammengebrochen ist, versucht natürlich jeder Barbesitzer, die wenigen Spaziergänger anzulocken (weshalb es auch keine einfachen Sitzbänke am Hafen gibt und jeder, der sich ohne etwas kaufen zu wollen einfach nur an den Rand der Stege setzen will sofort wieder weggescheucht wird). Dieser kleine, wunderbare Ort wird nur durch einen Zaun vom tatsächlichen Hurghada abgetrennt. Dahinter beginnt dann wieder das Leben mit all seinen Baustellen, Löchern, Müllhalden und verrückten Autofahrern…;-)

Ja ja, das Leben hier funktioniert einfach anders, Tage gehen vorbei, ohne dass man vieles von dem erreicht hätte, was man vielleicht erreichen wollte. Es liegt aber eben auch daran, dass hier alles nicht annähernd so läuft, wie es bestenfalls laufen könnte. Die Ägypter sind meines Erachtens sehr geduldig; ein großer Teil ihres Lebens besteht aus Warten. Ein Beispiel: Meine liebe Nachbarin C. wartete zwei Monate auf ihren Fernseher, den sie zur Reparatur abgegeben hatte. Die genaue Geschichte dazu kenne ich nicht, ich weiß nur, dass der Fernseher zwischendurch eine lange Reise nach Kairo unternommen hat und C. sich eigentlich schon nach einem neuen umgeschaut hat, weil sie diesen hier als für immer verloren glaubte. Es waren wohl viele Telefonate und Gespräche nötig, bis der Fernseher irgendwann dann doch wieder in Hurghada landete. Und sogar dort haben A. und ich zwei Stunden in dem kleinen Knauper-Laden gewartet, mussten nochmal zurück nach Hause weil irgendwie noch irgendwas gefehlt hat…es ist immer wieder ein Abenteuer. Als A. mir dann abends einen Facebook-Eintrag von einer Deutschen hier vorgelesen hat, in dem diese sich aufgeregt hat, dass der Elektriker, der für 15 Uhr bestellt war, erst um elf Uhr abends vor der Tür stand und sie ihn am liebsten wieder wegschicken wollte, da mussten wir beide ein wenig lachen.
Sei doch froh, dass er überhaupt gekommen ist. Wenn du ihn wegschickst, kommt er bestimmt nicht mehr wieder.

 

Am Freitag, den 14.03. waren wir (A., die lieben Nachbarinnen C. und L., mein „kleiner kleiner Bruder“ M. und ich) in der Wüste. Es war vielleicht nicht die Wüste, wie man sie sich von Bildern oder Erzählungen her vorstellt. Es war eigentlich nur ein großflächiges Stück Land das von allen Seiten von Straßen und Stadt eingegrenzt war, aber doch so groß, dass man, wenn man weit genug hineinging, Ruhe genießen und alles aus weiter weiter Ferne betrachten konnte.

Die Wüste war steinig und sehr bergig und ausgerechnet an diesem Tag wehte ein ziemlich starker Wind. Aber wir haben uns von all dem nicht unterkriegen lassen und haben trotzdem unser Feuer zum Grillen gemacht. M. und ich wollten uns das Ganze von oben ansehen und beschlossen, einen der ziemlich hohen Berge zu erklimmen. Der Hang war recht steil und der Fels brach oft unter unseren Füßen weg, sodass wir irgendwann schon das Gefühl von zwei Abenteurern bekamen. Wir brauchten vielleicht 20 Minuten zum Erklimmen des Berges, aber von dem Sprichwort „Runter kommt man immer“ konnte nicht die Rede sein. :-P Genau genommen haben wir uns zwischendurch überlegt, wie es wäre einfach mit den Wüstenfüchsen und was weiß ich welchen Tieren dort oben zu leben, da der Abstieg echt nicht ganz ungefährlich war (auch wenn man es sich jetzt vielleicht nicht so gut vorstellen kann und ich bei meinen Erzählungen bisher immer nur auf belächelnde Blicke gestoßen bin – ihr wart ja auch nicht dabei, es WAR gefährlich! :-0). Wir haben bestimmt eine Stunde gebraucht.

Das war ein toller Tag mit einem tollen Sonnenuntergang hinter den Bergen.

 

Montags darauf waren A., M. und ich im Kulturzentrum von Hurghada. Klingt wie sowas typisch Deutsches, ist es irgendwie auch. Die Deutschen (und natürlich auch andere „Ausländer“) haben sich hier ein eigenes Netzwerk und eigene Einrichtungen aufgebaut. Es gibt auch eine „Deutsche Schule Hurghada“ und einen deutschen Kindergarten und so. Eigentlich ist das eine tolle Sache, allerdings kochen hier wohl viele Leute noch ihr eigenes Süppchen und man möchte nicht zu sehr mit „den anderen“ in Kontakt kommen. Ich blicke noch nicht so ganz durch, vielleicht erfahre ich noch mehr.

Jedenfalls gab es dort eine Kulturwoche und an diesem Abend war „Hänsel und Gretel“ an der Reihe, gesungen von Gastspielern des Dresdner Opernhauses. Es war ein tolles Spektakel vor allem für die (deutschen) Kinder, vereinzelt waren meines Wissens nach auch ägyptische Kinder zugegen. Ich stand allerdings die meiste Zeit barfuß draußen und erfreute mich an dem Rasen, den sie auf diesem Grundstück gesät hatten. Gras, Bäume und dergleichen ist etwas, das man hier nicht allzu oft zu sehen bekommt. Da kann dann schon mal Heimweh aufkommen.

Danach waren wir noch auf der Mamsha (dem Treffpunkt mit vielen Bars, Hotels, Geschäften usw.) zum Shisha rauchen und Cocktails trinken. A. meinte allerdings, dass sie geradezu erschrocken ist über die Zustände: dort, wo noch vor ein paar Jahren etliche Geschäfte waren, standen leere zu vermietende Räume und es war allgemein kaum etwas los. Man bemerkt den Einbruch des Tourismus und die Verschlechterung der finanziellen Situation der Menschen an allen Ecken. Wobei ich jetzt einmal ganz klar sagen muss: seit ich hier bin habe ich mich noch nicht einmal, nicht EINMAL unsicher oder bedroht gefühlt von irgendetwas und ich gehe auch nicht mit der Erwartung aus dem Haus, dass demnächst irgendwo etwas Schlimmes passiert. Ich kann natürlich verstehen, dass die wenigen Touristen, die hier sind, ihre Hotels kaum verlassen (und wenn dann nur nach genauer Absprache mit der Reiseleitung)…wenn ich in ein fremdes Land fliege und weiß, dass es dort Probleme gibt und mir dann noch mein Reiseleiter sagt, es ist besser drinnen zu bleiben, dann würde ich wohl auch so reagieren. Oder mich beim Buchen von Bildern und Nachrichten abschrecken lassen. Ich kann nur für mich selbst sprechen: ich fühle mich hier sicher. Lebensbedrohlich kann es höchstens mal werden, wenn man versucht die Straßenseite zu wechseln. ;-P

Ich werde mir hier auch niemals ein Auto mieten.

 

Abgesehen von meinen eigenen Erfahrungen lerne ich hier viele Menschen und deren Einzelschicksale kennen. So habe ich mich am Dienstag mit einer Frau getroffen, welche ich im Bluemoon Animal Center kennengelernt habe. Sie war nun einige Monate in Ägypten und hat mir ziemlich offen ihr ernüchterndes Resultat erzählt, bevor sie heute wieder nach Deutschland zurückgereist ist. Natürlich lag dies nicht am Land selbst, sondern an den vielen unglücklichen Umständen, die zusammengetroffen sind. Sie als Mutter von vier mittlerweile erwachsenen Kindern wollte raus und sich, hätte es denn gut geklappt, zu ihrem nächsten, ruhigeren Lebensabschnitt mit ihrem ägyptischen Mann hier niederlassen. Allerdings stellte sich hier schnell raus, dass sie sowohl „Männer-“ als auch „Frauenrolle“ innehatte, und von beidem jeweils nur den anstrengenden Part. Ihr Mann erlaubte ihr nicht rauszugehen oder zu treffen wen sie will, erlaubte ihr nicht das Land kennenzulernen und alles zu tun, was sie sich eigentlich vorgenommen hatte. Da sie ihn anfangs nicht vor den Kopf stoßen wollte, ging sie immer wieder auf Kompromisse ein und fand sich schnell in einer Rolle, aus der sie nicht mehr hinauskam. Gleichzeitig war sie jedoch diejenige, die Geld hatte, denn der Mann war die meiste Zeit arbeitslos und lebte auf ihre Kosten. Das ist eine schier unbegreifliche Situation, aber sicherlich auch kein Einzelfall, vor allem die besitzergreifende Art, mit der Frauen hier oftmals behandelt werden und wie über sie bestimmt wird... Es gibt viele Seiten der ägyptischen Gesellschaft und der komplexen Situationen hier; auch diese ist eine davon. Eine Erkenntnis, die ich hier sehr schnell gewonnen habe: Beziehung bedeutet viel mehr als bloß, dass zwei Menschen sich lieben und zusammen sind. Liebe ist nicht alles, vor allem dann nicht, wenn zwei so verschiedene Kulturen im Spiel sind und es auch innerhalb der Familien ganz unterschiedliche gesellschaftliche (und auch religiöse) Ansichten gibt. Damit möchte ich natürlich nichts ins Bodenlose schlechtreden…schließlich führe ich ja auch eine deutsch-ägyptische Beziehung. ;-)

 

Am Mittwoch war ich mit den Freunden meines Freundes wieder aus…wir waren Billard spielen und danach noch bei einem von ihnen zuhause. Auch wenn es aus irgendeinem Grund äußert kompliziert ist, bis wir uns überhaupt einmal treffen (da man sich hundertmal neu verabreden muss, weil irgendwie doch immer wieder irgendwas dazwischen kommt), macht es umso mehr Spaß, wenn wir uns dann sehen.

Am Donnerstag wurde ich von einer Mitarbeiterin meiner Einrichtung genötigt, mit auf eine Muttertagsfestveranstaltung zu gehen (Muttertag ist in Ägypten am 21. März). Genötigt klingt vielleicht böse, ich wusste halt nur einfach nicht, was ich als 21-jährige auf einer Muttertagsveranstaltung sollte und schaffte es aber nicht, höflich abzulehnen. Sie fand in der Library of Hurghada statt…es war ein Chaos, wenn auch nicht unbedingt im negativen Sinne. Ein nicht allzu großer Raum mit dafür umso mehr gackernden Müttern und ihren Kindern, vorne gab es irgendeine Verlosung mit Mikrophon, von der die Leute ab der dritten Sitzreihe schon nichts mehr mitbekamen, weil es einfach so LAUT war. Dazu überall Essen und Luftballons und was weiß ich…die Kinder hatten einen Riesenspaß, das ist die Hauptsache.

A. (die sich aus Solidarität bereiterklärt hatte mitzugehen) und ich verließen das Gebäude jedoch bald wieder und setzten uns im „Deutschen Restaurant und Biergarten“ ab, von dem wir bis dahin auch noch nicht wussten, dass es existierte. Dort fand man dann die deutschen Einwohner Hurghadas (vorwiegend im Rentenalter) und ich musste schmunzeln, denn sie waren einfach von ihrem Lachen bis hin zu ihrer bloßen Präsenz irgendwie typisch deutsch, auch wenn ich nicht wirklich erklären kann, was das für mich heißt.

Gestern war dann also Muttertag und der begann mit einer ziemlich wütenden L. Wir hatten uns um die Mittagszeit zum Strand verabredet und während wir auf A. und M. warteten, erzählte sie mir, eben sei ein Mann auf einem Motorrad mit geschwungener Axt hinter einem Hund hergejagt. Auch wenn sich das im ersten Moment vielleicht lustig lesen mag, ist es doch eigentlich eine schockierende Sache. Ich habe es schon einmal erwähnt, viele Ägypter haben ein schreckliches Verhältnis zu den Tieren hier, diese werden gejagt, mit Steinen beworfen, geschlagen und nicht wie lebendige und fühlende Wesen behandelt. Und da dieser Fall über den deutschen Tierschänder, dessen Video in dem er einen Hund verprügelt auch vor dem ägyptischen Facebook nicht Halt gemacht hat, möchte ich an dieser Stelle etwas anmerken, denn es macht mich echt sauer (auch wenn es bloß entfernt etwas mit dem Thema des Blogs zu tun hat):

Die lieben Leute, die diesem Mann Morddrohungen an den Kopf werfen, die Fotos von ihm bearbeiten so dass er vollkommen entstellt aussieht, die seine Adresse im Internet verbreiten damit jeder, dem es beliebt, seine Drohungen wahrmachen und ihn „kopfüber mit aufgeschlitzten Adern von der Decke baumeln lassen“ kann…die sollten sich vielleicht einmal an den Kopf fassen und prüfen, ob da noch irgendetwas Hirnähnliches drin ist. Man möchte nichts beschönigen, Tierquälerei ist eine schlimme Tat; der Mann wird aber auch dementsprechend nach geltendem Gesetz bestraft werden. Denn dazu gibt es unsere Gesetze. Man kann gern strengere Gesetze fordern und härtere Strafen, denn natürlich möchte man seine Wut zum Ausdruck bringen, wenn man so etwas sieht. Natürlich macht das viele Menschen traurig. Doch gerade diese Sache ist meiner Meinung nach vollkommen eskaliert, die ach so guten Tierschützer auf Facebook, zu denen sich plötzlich jeder 16-jährige Gangsterteenie und jede kluge Geschäftsfrau zählen möchten, rufen zur Selbstjustiz auf und begehen Rufmord an einem Menschen, für den es in der Gesellschaft jetzt sicherlich keine zweite Chance mehr gibt, selbst nachdem er seine Strafe abgesessen und sich vielleicht gebessert hat, ja vielleicht sogar aufrichtig bereut. Wenn es denn jetzt so laufen soll, dass jeder selbst das Strafmaß für den anderen bestimmen darf, hacken wir am besten gleich jedem Dieb die Hand ab und hauen, wenn jemand bei Rot über die Ampel fährt, dem Schuldigen das Auto kaputt. Bitte nicht.

Also statt dass hier Möchtegern-Tierschützer wegen diesem Video ausrasten und den Typen am liebsten eigenhändig erwürgen wollen: Entweder fangt in Deutschland an, euch für Tierschutz aktiv zu engagieren (und nicht Richter spielen!) oder kommt gleich nach Ägypten, wo es kaum jemanden interessiert, wie mit Tieren umgegangen wird, und kanalisiert eure Energie darauf, HIER etwas POSITIV zu verändern.

Huuu, Dampf abgelassen.

 

Naja…der Strand war dann aber trotzdem wunderschön, es war ein öffentlicher vorwiegend deutsch-ägyptischer Strand (15 Pfund Eintritt) und ich war zum ersten Mal im Meer schwimmen, obwohl hier temperaturmäßig ja fast noch „Winter“ ist (bei 25-30 Grad). Am Strand habe ich dann eine ältere deutsche Dame gesehen, die mit ihrem jungen ägyptischen Liebhaber in der Sonne lag. Wo die Liebe hinfällt, möchte man meinen, doch dies geschieht hier überdurchschnittlich häufig. Die Ägypter heiraten die Ausländerinnen „orfi“ (das Thema Orfi-Ehen ist auch so eine Sache… ich schreibe im nächsten Eintrag darüber), damit sie mit ihnen zusammen sein können. So hat dann eigentlich jeder, was er will. Die Frauen hier dürfen sich verliebt und begehrt fühlen und die Männer haben jemanden, der Geld hat und ihnen vielleicht Chancen auf eine bessere Zukunft bietet, eine Zukunft in Deutschland z.B. Das klingt böse und es ist sicherlich nicht ausschließlich so. Es ist aber eben doch eine Tatsache hier, zumal ausländische Frauen ja eh einen anderen Status haben als die Ägyptischen.

 

Aber bevor ich in diesem Eintrag jetzt zu negativ und kritisch werde: Wir hatten einen schönen Muttertag. Meine beiden „Brüder“, die Freundin des Älteren und ich hatten beschlossen, zur Feier des Tages für A. zu kochen und Lasagne zu machen. Es kostete zwar einiges an Nerven und Zeit (drei Stunden!), aber letztendlich haben wir ein wie ich finde sehr leckeres Muttertagsessen zustande gebracht und Schokokuchen gab’s auch noch.

 

Nunja und heute habe ich entspannt. Man könnte meinen, ich mache hier fast nichts anderes, aber morgen ist wieder Arbeit und damit wahrscheinlich wieder einiges an abenteuerlichen, seltsamen, befremdlichen oder einfach nur lustigen neuen Erfahrungen angesagt.

 

Ein schöner Spruch zum Schluss, über den ich heute in irgendeinem Forum gestolpert bin:

 „Wenn ihr auf Reisen geht, um etwas anderes zu sehen – dann beklagt euch nicht, wenn alles anders ist.“

Viele Erlebnisse und noch viel mehr Regen

Sonntag, 09.03.2014

Sooo, da ich in der letzten Woche gar nichts geschrieben habe und natürlich umso mehr passiert ist, versuche ich mal alles relativ kurz und genau zusammenzufassen.
Am Montag war ich morgens um Neun mit A. in der Alamal association for special needs, meiner Arbeitsstelle. Es ist ein unscheinbares Haus zwischen tausend anderen Häusern in einem anderen Stadtteil, weswegen wir mit dem Minibus hingefahren sind. Jaja, diese Minibusse.
Entgegen meiner Erwartungen ist es ein Haus für KINDER mit Behinderungen aller Art. Es wurde von Frauen ehrenamtlich gegründet und komplett aus Spenden und Eigeninvestition finanziert. Die Frauen haben tolle Arbeit geleistet: sie haben sich aus ihrer "Hausfrauenrolle" hinausgearbeitet und geben nun Kindern, die wegen des unzureichenden Schul-und Sozialsystems des Staates keine Chance auf individuelle Bildungsmöglichkeiten hätten die Chance, am Rande ihrer Möglichkeiten zumindest grundlegende Dinge zu erlernen. In der Einrichtung sind Kinder aller Altersstufen mit unterschiedlichsten Formen  von Behinderungen: Down-Syndrom und Autismus sind nur zwei davon.
Die Frauen haben sich zwar nicht zu Sozialarbeitern ausbilden lassen, haben aber einen speziellen Teilbereich für Behinderungen an einer Schule als Kurs belegt. Meine Chefin ist Sozialarbeiterin; allerdings übernehmen normalerweise (sie gehört als sehr aktive Frau nicht dazu!) Sozialarbeiter die Rolle der Verwaltungskrambewältiger und haben nur sehr wenig Kontakt zu den Menschen an sich. Die Frauen machen eine tolle Arbeit, sie haben ein pädagogisches Konzept entwickelt und machen viel Öffentlichkeitsarbeit, um mehr Sponsoren und dergleichen zu finden. Außerdem beschäftigen sie auch erwachsene Menschen mit Hörschädigung, die in einem Raum nähen und die genähten Gegenstände in einem Shop kostengünstig verkaufen.
So habe ich also ab Dienstag meine Arbeit allein aufgenommen und musste dementsprechend auch alleine hin- und zurückfahren...mit dem Minibus. Es ist eigentlich ganz einfach, man sagt wo man ungefähr hinwill und gibt einen halben Pfund für einen Ort im gleichen Stadtteil oder ein Pfund für einen im anderen Stadtteil. Die Hinfahrt kann ich mir noch ganz gut merken, da steige ich an der letzten Haltemöglichkeit aus, aber bei der Rückfahrt war es schwierig. So kam es, dass am Dienstag ein netter Mann neben mir (und damit hätte ich nicht gerechnet, denn immerhin war er ein erwachsener Mann, und die meisten von denen sind in ihrem Verhalten ganz schrecklich und anzüglich). Eigentlich dachte ich zuerst, dass mich mal wieder jemand blöd anmachen will, das kommt hier bei allen Frauen vor, die sich "nicht angemessen kleiden" (also z.B. kein Kopftuch tragen (aber natürlich sind nicht ALLE Männer so; nur eben viele))oder zu lange hinschauen.
Aber nein, es war nur ein lieber Mensch, der mir mit dem Weg helfen wollte, und plötzlich war der ganze Minibus (in dem wohlbemerkt neun Männer und ich saßen, da hier allgemein viiiel mehr Männer als Frauen unterwegs sind) intensiv damit beschäftigt darüber zu diskutieren, wie ich am schnellsten und bequemsten nach Hause komme. Das hat mich überrascht und sehr froh gemacht

Die Arbeit selbst war am Anfang schwierig: die Leute wussten nichts mit mir anzufangen, haben mich zeichnen lassen, weil "ich das kann". Erst in den letzten Tagen bin ich von mir aus auf die Kinder zugegangen und sie merkten, dass ich für SIE dort bin. Dann habe ich sie aufgeklärt, warum ich eigentlich da war: Studium, Praktikum, neues soziales System kennenlernen, praktische Erfahrungen in einer Einrichtung sammeln.

Am Dienstag Abend waren wir im Senzo-Einkaufszentrum; wir, das sind die netten Nachbarinnen aus Deutschland, zwei Frauen (von denen eine aber wieder abgereist ist inzwischen) eine ganz starke und selbstbewusste Frau im Rollstuhl namens C., ihre Pflegerin D., meine Gastmama A. und ich. Wir hatten viel Spaß dort mit unseren Witzen und kleinen Freiheiten, die wir uns herausgenommen haben in diesem männergeprägten Land. Aber eigentlich ist es größtenteils schon sehr traurig für die Frauen hier...allerdings sind sie es nicht anders gewohnt und reagieren fast so schlimm wie die Männer, wenn jemand gegen die gesellschaftlichen Normen verstößt.
Am Mittwoch dann hatte ich Geburtstag; das war toll, denn nach der Arbeit sind wir auf das Dach eines Hotels gegangen (mein Gastvater T. und die Hotelleute sind wohl befreundet), von wo aus wir Hurghada überblicken konnten, und haben dort gefeiert. Es gab einen riesen Kuchen und einen noch riesigeren Obstteller und Hamburger und Kartoffelsalat (: und viele liebgemeinte Geschenke von Menschen, die mich eigentlich gar nicht kennen und doch mit mir feiern wollen. Meine neue ägyptische Familie.

Am Donnerstag nach der Arbeit habe ich erstmal laaange auf dem Dach geschlafen und mir dabei wahrscheinlich hundert Mückenstiche zugezogen. Das sind keine normalen Moskitos, das sind ausländerfeindliche Bestien. Abends waren mein "großer kleiner Bruder", seine Freunde und ich an der Marina in einem Club zum Feiern. Und dort war es schon wieder so gegensätzlich: die Frauen waren sehr knapp bekleidet, viele tranken Alkohol und tanzten freizügig und freudig alle miteinander. Natürlich wurde man oft angegraben, und da waren die Frauen dann immer höchst übertrieben dramatisch (obwohl man vielen angesehen hat, dass sie es auch darauf anlegen); und ehrlich gesagt finde ich, dass es nicht schlimmer oder weniger schlimm war als auf jeder anderen Party auf dieser Welt. Mir wurde zwar gesagt, dass viele junge Ägypter dort hingehen um deutsche Touristinnen abzuschleppen und die dann zu heiraten, damit sie nach Deutschland können...aber ich hoffe jetzt einach mal, dass nicht alle alle so sind. Dafür war der Abend dann doch zu schön und lustig.
Bei dieser Gelegenheit will ich nur einmal kurz ein Beispiel für die gesellschaftlichen komplizierten Alltagsabläufe geben:
Die Freunde meines 15-jährigen "Bruders" haben bei ihm übernachtet (natürlich!!! nur Jungs, Mädchen übernachten IMMER zuhause). Seine Mutter ist natürlich im Haus und trägt außerhalb normalerweise Kopftuch, nimmt es aber selbstverständlich zuhause ab. Die Freunde schlafen in Y. Zimmer, er selbst auf der Couch im Wohnzimmer.
Morgens: Die Freunde wachen auf, doch Y. ist nicht wach und hört sie nicht. Sie dürfen allerdings das Zimmer nicht verlassen, denn: die Mutter könnte ja ohne Kopftuch im Haus herumlaufen und das zu sehen wäre für alle Beteiligten äußerst unangebracht. Also rufen die Jungs selbstverständlich Y. an, sein Handy liegt aber im Zimmer. Also rufen sie seine Freundin an, die die Festnetznummer hat und wiederrum im Wohnzimmer anruft, damit die Mutter aufwacht und rangeht, ihren Sohn aufwecken kann damit er ins Zimmer geht und seine Freunde wachsam hinausbegleitet.
Tja, da fällt Frühstück dann wohl aus.

Am Freitag konnte ich (dank verschobenem ägyptischen Wochenende an Freitag und Samstag) eendlich ausschlafen. In meiner Einrichtung sagen sie mir zwar immer, komm und geh wann du willst, aber ich muss schon ein bisschen eigenverantwortlich sein und in meinem Praktikum wenigstens die paar Stunden, die die Einrichtung offen hat da sein. Wir ( C., A. und ich) waren in einem Hotel, das barrierefrei ist und wo auch C. die Möglichkeit hat, ein wunderschönes Meer zu sehen und an einer Bar zu sitzen. Das Hotel war wunderschön, voller Blumen, Farben und exotischem Feeling an einem klaren tiefblauen Wasser. Das alles war für mich mehr ein Traum, so seltsam das jetzt auch klingen mag: diese Seite von Hurghada ist nahezu perfekt, sie zeigt aber nur ein künstliches, geschütztes Hurghada, das mit der echten Stadt nicht wirklich viel zu tun hat. Ich hatte mich ehrlich gesagt schon gewundert, warum man bei Holidaycheck von keinem liest, dass Hurghada ein ziemliches Müllproblem hat und dass die Kloake manchmal die ganze Luft verpestet. Aber jetzt weiß ich: die Touristen kennen das nicht. Ich habe mich entgegen aller Erwartungen sehr fremd gefühlt...als wir wieder in unser Viertel kamen mit seinen hunderten Katzen und Hunden, seinem Müll und seinen Schlaglöchern, da dachte ich, hier erlebe ich Hurghada, wie es ist. Natürlich nicht jeder Fleck...aber das ist eben das reale, ungeschönte Bild. Und ich habe innerhalb der Zeit, die ich jetzt hier bin gelernt, es so zu lieben.

Freitag Abend habe ich die besten Freunde meines Freundes kennengelernt und ich muss sagen, sie sind der Hammer. Ich hoffe, dass ich noch viel Zeit mit ihnen verbringen werde. Der allerbeste Freund meines Freundes hat nun anscheinend offiziell die Verantwortung für mich und versucht mir jeden Wunsch zu erfüllen. Das sind lustige Menschen: sie gehen kritisch mit der Gesellschaft um, sind viel freidenkender und offen. Wir haben lange zusammengesessen und Shisha geraucht und danach auf einem großen Platz direkt neben der Hauptstraße Fußball gespielt, während zwischen uns Touristen durchgelaufen und gefahren sind und immer wieder andere Leute dazugekommen sind. Es hat viel Spaß gemacht und dass ich ein Mädchen bin, war jedem egal. :)
Seitdem fühle ich mich richtig glücklich hier.

Gestern war ich im Bluemoon Animal Center, um weitere Arten von Sozialer Arbeit hier kennenzulernen. Deutsche und ägyptische Frauen haben eine Tierfarm gegründet, auf der sie das Straßentierproblem angehen wollen, in dem sie kranke und verwaiste Tiere aufnehmen, aufpäppeln, kastrieren und wieder auswildern (verhungern tun die Tiere hier nicht, sie ernähren sich ja von den Essensresten im Müll und davon gibt es genug). Vor allem Katze und Hunde gibt es viele dort, aber auch Esel, Pferde, Kamele...alles Tiere, die meist vom Menschen misshandelt oder unangemessen gehalten wurden.
Die Ägypter haben ein schlechtes Verhältnis zu den Tieren, vor allem denen, die sie täglich auf der Straße sehen; sie lernen als Kind, Angst vor ihnen zu haben und sie dementsprechend zu jagen und gegen sie vorzugehen, in dem sie mit Steinen werfen o.ä.. Das Bluemoon Animal Center bietet hierfür Führungen und Aufklärungsstunden für Schulklassen und Kinder-/Jugendgruppen, damit sie lernen, dass Tiere auch fühlen und Lebewesen sind, die wir schützen und für die wir Verantwortung tragen müssen. Ich habe dort also eine Gruppe getroffen, die ebenfalls sozial engagiert ist: Deutsche Rentnerinnen, die ein Haus für Kinder aus benachteiligten Familien gebaut haben und mit ihnen Spielenachmittage, Ausflüge und Bildungsangebote durchführen. Gerade an diesem Tag waren sie auch dort und ich habe ausgemacht, nächsten Samstag einmal in ihre Einrichtung zu gehen.
Tja und heute...heute war ich in einer staatlichen Primary School, um das Schulsystem besser kennenzulernen und die Arbeit eines Sozialarbeiters zu sehen: Papierkram.
Staatliche Schulen sind in Ägypten ein Disaster: eine Schule für 800 SchülerInnen, kein Platz, alles relativ heruntergekommen und alt, die Kinder sitzen zu viert an einer einzigen Schulbank und es ist immer laut, egal ob Pause ist oder nicht. Die Kinder dort werden laut Aussage von A. dumm gehalten, damit sie noch Privatstunden nehmen müssen, um den Stoff für die vorgegebenen Prüfungen zu bewältigen. Die Privatstunden bringen den staatlichen Lehrern das Geld ein, das sie zum Überleben brauchen: der Beruf des Lehrers wird vom Staat ganz schrecklich schlecht bezahlt.
Immerhin kümmern sich die Sozialarbeiterinnen in der Schule neben dem Papierkram auch um Streitschlichtung. Allerdings ist alles auf Wettbewerb ausgerichtet: Es gibt Listen für die besten und die schlechtesten Schüler und Wettbewerbe für die beste Schulklasse. Es gibt eine Klasse für die Kinder mit Behinderungen...da sitzen auch alle zusammen, egal, welche Behinderung sie haben.

Naja...jetzt muss ich allerdings noch kurz  von dem aktuellen "Problem" berichten:
In Ägypten hat es heute geregnet und das ist hier eine richtig große Sache. Was man in Deutschland normalerweise als klischeehaftes Alltagswetter kennt, wo die Deutschen dann ihre Regenjacken auspacken und den Scheibenwischer anstellen, da bricht in Ägypten ein Chaos aus, das die Apokalypse wie einen etwas wilderen Kindergeburtstag aussehen lässt. In der Schule fing es schon an: die Kinder wurden nach Hause geschickt, als es zu regnen begann und alle suchten schnell das Weite: zuerst fand ich diese Reaktion schrecklich übertrieben: warum sollte man sein Kind wegen Wasser zuhause lassen? Bis ich eine halbe Stunde später mit dem Minibus in einer sumpfartigen Seitenstraße stecken blieb, neben mir schon die ersten Boote trieben und alle jede Moral und jeden Anstand vergaßen und einfach nur fluchtartig nach Hause stürmten: notfalls auch mit ein paar Mann zuviel im Bus. Ägypten hat kein Kanalsystem, das heißt, das Wasser bleibt einfach auf der Oberfläche. Der Boden ist so hart, dass es nicht versickert. Tatsächlich steht hier alles unter Wasser. Die Nachbarn, A. und ich haben eben schon versucht, Staudämme zu bauen und das Wasser aus dem Treppenhaus zu schippen. Allerdings kommt es derzeit immer noch vom Dach aus runtergeflossen, die Treppenhäuser sind ja offen. Man kann auf der Straße surfen und muss aufpassen, dass kleine Kinder nicht einfach in diesem Sumpf verschwinden.
Wäre es nur Wasser, so wäre es nicht so ätzend. Es ist aber vielmehr dreckiges, stinkendes Müllkloakenwasser, das überall steht. Wir haben es eben aufgegeben...an Hilfe ist hier aber irgendwie nicht zu denken: weder von staatlicher, noch von männlicher Seite. Jetzt sitzen wir also hier und warten und schauen raus und sehen uns Bilder von den anderen Bewohnern bei Facebook an, die teilweise erstaunt, teilweise mürrisch von ihren Überschwemmungsgebieten berichten.
Ich bin gespannt, ob Schule und Arbeit morgen überhaupt geöffnet sind.

Mein erster Arbeitstag...nicht.

Sonntag, 02.03.2014

Die ersten paar Tage in Hurghada sind vorüber und ich habe schon ein bisschen was erlebt...und gesehen.
Am Freitag war ich am Meer, das genauso wunderschön und weit und blau ist, wie es in den Reisebroschüren dargestellt wird. Der Strand allerdings ist steinig und auch etwas vollgemüllt...zudem ist es einer von nur noch wenigen Stränden, der den Ägyptern zugänglich ist, da die meisten Strände Privatstrände der Hotels sind.
Gleichzeitig habe ich schon ein paar Dinge über diese ganze Männer-Frauen-Sache hier erfahren; ich werde allerdings erst ausführlicher darüber schreiben, wenn ich das Ganze noch ein bisschen mehr durchschaut habe. Es ist jedoch nicht so, wie ich angenommen hatte; die Frauen werden nicht so "unterdrückt", wie ich es mir vorgestellt hatte, sondern eher "übermäßig bevormundet", da sie die Ehre und das Heiligste des Mannes darstellen. Ich weiß noch nicht, was ich von alldem halten soll.  Der Alltag gestaltet sich als Frau jedenfalls in dem Sinne viel schwieriger, als dass sie genau darauf achten müssen, was sie tun. Soviel dazu schonmal.
Gestern bin ich mit meinem neuen "großen kleinen Bruder" und seinem Freund eine andere Handykarte kaufen gegangen und danach sind wir noch auf einer "Autobahn" rumgefahren, von der aus man die Vielseitigkeit Hurghadas sehen konnte. Es gibt Straßen, die sind so wunderschön, mit Palmen und bunten Häusern und Pflastersteinen. Aber dann gibt es auch die Wege in den Wohngebieten, die voller Müll und Schlaglöcher sind. Man kann sich das alles nur sehr schwer vorstellen, ich versuche demnächst (wenn das Internet es zulässt) ein paar Bilder hochzuladen. Außerdem habe ich zum ersten Mal allein das Haus verlassen, was hier schon eine Herausforderung für mich ist. Ich bin die Straße lang gelaufen bis dahin, wo die Wüste und der Militärzaun anfing. Aus einem unguten Gefühl heraus war ich aber auch sehr schnell wieder zurück, zumal mein lieber Gastvater mich auch schon sorgenvoll angerufen hatte. (:
Abends saß ich dann noch lange mit A. und den Frauen, die unter uns wohnen (sehr sehr lustige deutsche Frauen, die den Winter hier verbringen) auf der Dachterrasse...hehe, das war echt ein witziger Abend.


Nunja, und heute wollte "ab zehn" die Frau anrufen, die für mich während meines Praktikums in der Einrichtung für Menschen mit Behinderung verantwortlich ist. Also stand ich früh auf...und wartete...A. wartete mit mir, sie wollte mich begleiten. Wir warteten...und warteten. Niemand rief an. Als wir anriefen, ging keiner ran. Und da ich zwischenzeitlich auch erfahren hatte, dass meine Stelle wohl nur vier Stunden am Tag geöffnet hat (was für mein Praktikum evtl. ein biiisschen wenig sein könnte) hörten wir um 13 Uhr auf zu warten und machten uns auf Richtung Stadt.
Die Fahrt mit dem Minibus war ein Erlebnis, von dem ich noch nicht sagen kann, ob es mir gefallen hat. Der Fahrer machte sich (wie alle anderen Verkehrsteilnehmer) seine eigenen Verkehrsregeln und hupte und bremste und quatschte zwischendurch mit Leuten die so durch die Gegend liefen, ließ Menschen ein- und aussteigen und fuhr dem Transporter vorne dran unentwegt hinten rein, damit der mal schneller macht.
Wir waren dann in einem Café und auf einem Gemüsemarkt...dort gibt es wirklich alles an Gemüse, was man sich nur vorstellen kann. Es ist zwar etwas stickig, überall sind Mücken und Männer, die auf ihrer Ware rumwatschen um irgendwelche von der Decke hängenden Sachen runterzuholen, aber seltsamerweise war das überhaupt nicht schlimm. Es vermittelte ein heimisches Gefühl und die Menschen dort sind sehr entspannt.

Nunja, morgen werde ich jedenfalls einfach mal losfahren und meine Einrichtung auf eigene Faust aufsuchen. Ich habe mittlerweile schon verstanden, dass es in Ägypten normaler Alltag ist, dass Dinge einfach immer anders laufen, als sie ursprünglich sollten. Aber vielleicht klappt es ja doch..."Inschallah" - So Gott will - wie man hier sagt.
Aber jetzt muss ich schlafen...entgegen dem Tagesablauf, den ich bisher hier kennengelernt habe (irgendwann aufstehen, abends erst richtig essen und um drei Uhr früh zu Bett gehen :D), muss ich morgen um acht aufstehen.
Man darf gespannt sein.

Über den anders als erwarteten Kulturschock

Donnerstag, 27.02.2014

Wenn ich jetzt - in meinem neuen Zimmer in Hurghada sitzend - so an den vergangenen Tag denke, erinnere ich mich an ein sehr verschwommenes, grelles und vollgeklatschtes Bild von Eindrücken, die mir jetzt doch wieder unwirklich vorkommen.
Mein Tag begann um Sechs heute morgen (also eigentlich schon viel früher, denn an Schlaf war nicht wirklich zu denken). Ich hab wahrscheinlich hundertmal mein Handgepäck wieder geöffnet (und das ist nicht übertrieben -.-) um nachzuschauen, ob auch WIRKLICH mein Reisepass, mein Ticket etc. drin sind.
Abschied von meinem Bruder, Fahrt zum Flughafen, Abschied von meinen Eltern (Bevor es zu emotional wurde, bin ich allerdings geflüchtet - irgendwie dachte ich, wenn ich noch länger VOR der Gepäckkontrolle stehe bzw. mit meinen Eltern noch nen Kaffee trinke, muss ich entweder randalieren oder ich geh einfach wieder heim.) und dann plötzlich war ich im Flugzeug und musste schon diesen Einreisezettel ausfüllen. Im Flugzeug saß ich neben einem Mädchen, die augenscheinlich alleine Urlaub machen wollte. Sie war sehr wortkarg, aber trotzdem taten wir uns zusammen, um bei unserer Ankunft den gefühlten tausend arabischen Visa-Schreiern zu entkommen und ein kostengünstiges Visum zu ergattern. Irgendwie hatte ich mir das mit dem Visum schwieriger vorgestellt. :P
Die Familie meines Freundes kam quasi komplett zum Flughafen, um mich abzuholen. Und ich wusste weder, wie ich reagieren sollte, noch, was ich von all dem halten sollte. Aus dem Flugzeug heraus hatte ich nicht viel gesehen - doch jetzt sah ich Ägypten zum ersten Mal.

Staub, Sand, Wüste, Trockenheit - aber ein atemberaubender Sonnenuntergang und eine Weite, wie ich sie mir niemals hätte vorstellen können. Die Luft schmeckt anders, das Atmen fällt überraschenderweise viel leichter. Und es ist warm - 25 Grad um 17 Uhr.
Die Gebäude, an denen wir vorbeifahren, sehen so exotisch aus. In vielen Farben, alle mit verschiedenen Balkonen versehen. Dazwischen Baustellen, Schutt, noch mehr Sand - die Stadt sieht aus, als hätte der Erbauer mittendrin die Lust verloren. Überall unfertige Gebäude, die auf ziemlich wackelig wirkenden Stelzen stehen. Und Müll - Müll scheint hier ein Problem zu sein, doch laut der Mutter meines Freundes ist es Alltag der Ägypter und jeder findet sich irgendwann damit ab. Es gibt anscheinend pro Block oder Viertel nur eine große Mülltonne.
Auf den Müllbergen sitzen unzählige Katzen wie die Könige; drum herum streunen staubige Hunde. Sollten Ägypter ein Verkehrssystem haben, ich verstehe es nicht wirklich. Jedenfalls könnte man ihnen die Hupen aus den Autos entfernen. (Sie hupen tatsächlich mit gleichbleibender Häufigkeit, auch jetzt noch, und es wird laut A. auch nicht aufhören.) Ein wenig verständlich ist es jedoch schon, da alle Ägypter unkontrolliert auf der Straße latschen; "Touristen, das sind immer die auf den Bürgersteigen." Das gesamte Leben spielt sich auf der Straße ab.
Es hat alles etwas so Fremdartiges und doch so Verzauberndes an sich, dass ich es gar nicht fassen kann.
Nachdem ich mein Zimmer in der sehr gemütlichen Wohnung bezogen hatte, gab es zum ersten Mal ägyptisches Essen für mich; Calamari und Garnelen, dazu so eine besondere Paste, die ich anrühren durfte, Brot und ein echtes ägyptisches Radler (als normalerweise in Oberfranken lebende Studentin werde ich nicht näher darauf eingehen). Dann gingen A. und ich noch in die Stadt, Geld wechseln, eine Handykarte kaufen und einen Zitronensaft trinken. Wir haben uns viel über das Land, seine Leute, aber auch tausende andere Dinge unterhalten und darüber bin ich sehr froh - ich werde von Anfang an offen und neugierig für alles sein, damit ich sozialen Anschluss finde.
Jetzt bin ich todmüde, aber ich kann den nächsten Tag kaum erwarten. Ich will mehr Ägypten...mehr von diesem geheimnisvollen Land, seiner Sprache, seiner Kultur...aber zuerst will ich dann doch nur noch mein Bett.

Warten nervt.

Mittwoch, 26.02.2014

Jetzt mach ich mein Praktikum also wirklich in Ägypten, in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung.
Als ich vor drei Monaten mit der Stellensuche im Ausland begonnen hab ( wohlgemerkt ein bisschen spät), hätte ich niemals damit gerechnet. Als da die Mutter meines Freundes (die schon seit vielen Jahren als Deutsche mit ihrer Familie in Ägypten lebt) meinte, ich könnte ja theoretisch das Praktikum auch in Hurghada machen, habe ich zwar nicht grundsätzlich abgelehnt, jedoch gedacht: "Na ja, es wird sich doch sicherlich etwas Anderes finden." Und mit anders meinte ich etwas Europäisches, etwas Nahes, das ich am besten schon kennengelernt habe und wo ich ein halbes Jahr gut klarkomme.
Naja, jetzt ist es also doch Ägypten und ich bin froh darüber. Warum nicht mal was Neues ausprobieren? Warum nicht mal über die eigenen Grenzen hinauswachsen und etwas erleben, das den Rest des Lebens verändern kann? Daran, dass ich ja "jederzeit wieder zurück nach Deutschland" kann, werde ich von meiner Oma seit Beginn der Semesterferien jeden Tag mindestens dreimal erinnert.
Bevor ich mit meinem Freund zusammenkam (der hier in Deutschland lebt), wusste ich peinlicherweise fast nichts über Ägypten. Naja, da gab es vor viiiielen vielen Jahren mal Pharaonen und für die wurden ziemlich große Pyramiden gebaut und, hm, heute hört man in den Nachrichten ab und zu beunruhigende Dinge. Und das...war's auch schon.
Jetzt würde ich sagen, weiß ich nicht wirklich VIEL mehr über das Land, weswegen ich mir schon seit ich den Arbeitsvertrag habe unheimlich viele Gedanken mache, die durch Medien und Vorurteile teilweise absurde Dimensionen annehmen. Kultur, Religion, Sprache, Mentalität, politische Situation...
Ich bin tatsächlich ziemlich, ZIEMLICH nervös.

Eigentlich will ich jetzt nur noch, dass es endlich losgeht. Ich will mich endlich von allen verabschiedet haben und im Flugzeug sitzen und mich vor allem nicht mehr ständig fragen müssen, ob ich auch alles organisiert habe.
Wenn man so eine Auslandsreise für ein halbes Jahr antritt, die in ein Land außerhalb von Europa gehen soll, muss man sich mit viiielen Dingen beschäftigen, mit denen man sich sonst vielleicht nicht so beschäftigt hätte.
Für mich war das ein sehr großer Berg von unbestimmten Sachen, von denen ich nicht viel Ahnung habe und ohne meine Familie wohl auch größtenteils vergessen hätte.
Versicherungen, die "Wie-komme-ich-überhaupt-an-mein-Geld"-Frage, Handyvertrag, Zwischenmieter für die eigene Wohnung, Impfungen und blablabla.
Ich mache drei Kreuze, wenn ich mein Visum in der Hand halte und nicht à la "Terminal" im Flughafen kampieren muss.

Nunja...in ca. 30 Stunden geht's hier los. Ich bin gespannt.